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Was ist "Shopfloor Management"?

Eine Definition aus dem CETPM-Lexikon

Shopfloor Management ist ein führungsorientiertes Managementsystem, das die Steuerung und Verbesserung der Wertschöpfung unmittelbar am Ort des Geschehens, dem Shopfloor, zum Ziel hat. Der Begriff „Shopfloor“ steht wörtlich für „Hallenboden“ und meint den Produktionsbereich als Ort der Wertschöpfung (vgl. Müller 2020, S. 23–24). Shopfloor Management wird von Lean-Praktikern und lean-affinen Führungskräften als eines der zentralen Lean-Management-Tools hervorgehoben, da es einen transparenten Überblick über den aktuellen Stand der Wertschöpfung ermöglicht (vgl. Gelbrich 2019). Beobachtungen bei Unternehmensbesuchen zeigen, dass rund 80 Prozent aller produzierenden Unternehmen über eine Art visuelles Shopfloor-Management-Tool verfügen (vgl. Gelbrich 2019). Das System vereint die Prinzipien der visuellen Steuerung, der strukturierten Problemlösung und des führungsorientierten Coachings an einem zentralen Ort.

Ursprung und Entwicklung

Shopfloor Management hat seine Wurzeln im Toyota-Produktionssystem und der japanischen Lean-Philosophie. Das Grundprinzip basiert auf dem Gemba-Gedanken: Die Führungskraft geht an den Ort des Geschehens, um Probleme aus erster Hand zu verstehen und gemeinsam mit den Mitarbeitern Lösungen zu erarbeiten. Bei Toyota wird auf der einzelnen Mitarbeiterebene die Problemlösung grundsätzlich als etwas praktiziert, bei dem unter dem Begriff „Problem“ eine gezielt zu lösende Aufgabe verstanden wird, die man zunächst präzise formulieren muss. Jedes problematische Phänomen wird in eine Fragestellung verwandelt, die man strukturiert bearbeiten kann, um sich dem eigenen Zielbild systematisch anzunähern (vgl. OJT Solutions (2019), S. 37–43).

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich Shopfloor Management weit über die japanische Automobilindustrie hinaus verbreitet. Es ist mittlerweile aus dem Tagesgeschäft produzierender Unternehmen und zunehmend auch in Dienstleistungsbetrieben nicht mehr wegzudenken (vgl. Müller-Seegers 2020, S. 20). Die Standards und Routinen haben sich in den Firmen teilweise über Jahre entwickelt und sind zu einem festen Bestandteil der operativen Steuerung geworden.

Der japanische Ursprungsbegriff lautet „Gemba Kanri“ (jap. 現場管理). Wann immer ein Begriff aus einer anderen Kultur, noch dazu in englischer Form, in den deutschen Sprachgebrauch Eingang findet, ist es angebracht, sich über die ursprüngliche Bedeutung Gedanken zu machen. „Gemba“ bezeichnet den Ort, an dem die Wertschöpfung stattfindet, und „Kanri“ steht für Steuerung und Verwaltung (vgl. Franke/Oelschleger 2014, S. 10). Die westliche Bezeichnung „Shopfloor Management“ betont den Aspekt der aktiven Führung am Ort der Wertschöpfung.

Zielsetzung und Grundprinzipien

Shopfloor Management zielt grundsätzlich auf die Maximierung der wirtschaftlichen Leistung am Ort der Wertschöpfung ab. Es soll sicherstellen, dass Führungskräfte und Mitarbeiter gemeinsam auf klar definierte Ziele hinarbeiten und Abweichungen rechtzeitig erkennen (vgl. Orth 2016, S. 8). Die Führungskraft verlässt das Büro, geht an den Shopfloor und informiert sich dort direkt über den Stand der Wertschöpfung. Dies ermöglicht eine unmittelbare Reaktion auf Probleme, anstatt sich auf retrospektive Berichte zu verlassen.

Kerngedanke: Shopfloor Management eröffnet eine Transparenz in die Performance der Geschäftsprozesse, die man in indirekten Bereichen so nicht kennt (vgl. Orth 2016, S. 8). Der Ansatz funktioniert sowohl in der Produktion als auch in administrativen Bereichen und fördert eine Kultur der faktenbasierten Entscheidungsfindung.

Die Grundprinzipien des Shopfloor Managements lassen sich wie folgt zusammenfassen: erstens die regelmäßige Präsenz der Führungskraft am Ort der Wertschöpfung, zweitens die Visualisierung aller relevanten Kennzahlen und Informationen, drittens die strukturierte Problemlösung bei Abweichungen und viertens die konsequente Nachverfolgung vereinbarter Maßnahmen. Ein funktionierendes Shopfloor Management lebt von kurzen Regelkreisen, in denen der Status der Zielerreichung täglich überprüft und Verbesserungsmaßnahmen zeitnah umgesetzt werden.

Das Shopfloor Board als zentrales Element

Das Herzstück eines jeden Shopfloor-Management-Systems ist das Shopfloor Board, eine visuelle Informationstafel, an der alle relevanten Kennzahlen, Aufträge und Maßnahmen auf einen Blick erfasst werden können. An diesem Board finden die regelmäßigen Besprechungen statt, bei denen das Team den aktuellen Status der Wertschöpfung bespricht, Abweichungen identifiziert und Gegenmaßnahmen vereinbart. Die nach wie vor häufig klassische, analoge Darstellung am Whiteboard, an dem mit Magneten, Stiften, Karten und Ausdrucken gearbeitet wird, zeigt den Status der Wertschöpfung an und dient als Basis für die regelmäßigen Besprechungen (vgl. Müller 2020, S. 23–24).

Ein wirkungsvolles Shopfloor Board bildet typischerweise die folgenden Dimensionen ab: Sicherheit, Qualität, Kosten, Liefertreue und Mitarbeiterthemen. Für jede Dimension werden messbare Kennzahlen definiert, deren Zielerreichung täglich oder schichtübergreifend verfolgt wird. Abweichungen vom Soll werden rot markiert und lösen unmittelbar eine Problemlösungsroutine aus. Die konsequente Aktualisierung der Informationen am Board ist dabei entscheidend, veraltete Daten am Board sind leider in vielen Unternehmen keine Ausnahme, sondern eher die Regel (vgl. Meiss/Müller 2019).

Die Rolle der Führungskraft

Im Shopfloor Management kommt der Führungskraft eine zentrale Rolle zu. In der Unterhaltung mit betroffenen Managern wird schnell klar, dass das Verständnis, was Shopfloor Management bedeutet und welche Rolle die Führungskraft dabei einnimmt, sehr unterschiedlich ausgeprägt ist (vgl. Orth 2016, S. 8). Die Führungskraft ist nicht nur Informationsempfänger, sondern aktiver Coach und Problemlösungsbegleiter. Sie stellt gezielte Fragen, unterstützt die Mitarbeiter bei der Analyse von Abweichungen und fördert eine Kultur der Eigenverantwortung.

Schlanke Produktion findet in der Fertigung statt, nicht im Konferenzraum oder am PC. Führungskräfte müssen die Fertigung verstehen. Sie brauchen die Unterstützung und Kooperation der Produktionsmitarbeiter, damit Lean-Projekte gelingen. Diese Unterstützung erwerben sie unter anderem durch respektvollen Umgang und Fairness (vgl. Roser 2015, S. 6). Shopfloor Management fordert ein verändertes Führungsverhalten: weg vom reinen Anweisen hin zum Begleiten, Coachen und Befähigen der Mitarbeiter.

Praxistipp: Ein respektvoller Umgang mit den Mitarbeitern am Shopfloor ist die Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Shopfloor Management. Führungskräfte, die den Shopfloor nur aufsuchen, um Fehler zu suchen, zerstören das Vertrauen, das für eine offene Problemkommunikation notwendig ist (vgl. Roser 2015, S. 6).

Strukturierte Problemlösung am Shopfloor

Ein wesentliches Element des Shopfloor Managements ist die strukturierte Problemlösung. Werden bei der täglichen Besprechung am Board Abweichungen festgestellt, werden diese nicht einfach zur Kenntnis genommen, sondern unmittelbar in einen Problemlösungsprozess überführt. Dabei kommt häufig die Methodik der fokussierten Verbesserung zum Einsatz: Die Ursache der Abweichung wird systematisch analysiert, Sofortmaßnahmen werden definiert und Verantwortliche benannt.

Die Verbindung von Shopfloor Management und der Verbesserungs-KATA erweist sich in der Praxis als besonders wirkungsvoll. Durch die tägliche Coaching-Routine am Shopfloor Board wird die KATA-Methodik systematisch in den Führungsalltag integriert (vgl. Rother/May (2019), S. 36–44) (vgl. Schwarz 2016, S. 18). Der Coach stellt die fünf KATA-Fragen und unterstützt den Verbesserer dabei, den nächsten Schritt in Richtung Zielzustand zu identifizieren.

Die Umsetzung von Maßnahmen wird auf dem Board nachverfolgt. Offene Punkte werden bei jeder Besprechung aufgerufen, der Status aktualisiert und bei Verzögerungen eskaliert. Diese konsequente Nachverfolgung ist einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren: Erst wenn vereinbarte Maßnahmen auch tatsächlich umgesetzt und ihre Wirksamkeit überprüft werden, entfaltet Shopfloor Management seine volle Wirkung.

Shopfloor Management in indirekten Bereichen

Shopfloor Management ist längst nicht mehr auf die Produktion beschränkt. Auch in indirekten Bereichen wie Verwaltung, Entwicklung oder Einkauf lassen sich die Prinzipien der visuellen Steuerung und der strukturierten Problemlösung wirkungsvoll einsetzen. Die Verschwendungen in Büro- und Verwaltungsbereichen sind oft weniger offensichtlich als in der Produktion, doch gerade deshalb bietet Shopfloor Management hier ein enormes Potenzial (vgl. Orth 2016, S. 10). Die Herausforderung besteht darin, die richtigen Kennzahlen zu identifizieren und einen Rhythmus für die regelmäßige Besprechung zu etablieren.

In administrativen Bereichen hat sich die Arbeit mit Kanban-Boards als besonders wirksam erwiesen. Aufgaben werden visualisiert, Arbeitsfortschritte transparent gemacht und Engpässe frühzeitig erkannt. Die tägliche kurze Abstimmung vor dem Board, auch als „Daily Stand-up“ bekannt, überträgt das Prinzip des Shopfloor Managements in die Bürowelt und schafft einen regelmäßigen Takt für die Kommunikation im Team.

Digitales Shopfloor Management

Die Digitalisierung des Shopfloor Managements wird fast reflex­artig mit Schnittstellen und hoher Komplexität assoziiert. Dabei benötigt Shopfloor Management in erster Linie eine Kommunikations- und Problemlösungsplattform (vgl. Müller-Seegers 2020, S. 20). Die klassische analoge Darstellung am Whiteboard stößt jedoch an ihre Grenzen, wenn Daten manuell aktualisiert werden müssen, mehrere Standorte eingebunden werden sollen oder die Arbeit zunehmend remote stattfindet.

Für eine erfolgreiche Digitalisierung des Shopfloor Managements empfiehlt sich ein schrittweises Vorgehen. Spezifische Betrachtungen bei Unternehmensbesuchen belegen, dass rund 80 Prozent aller betreffenden Betriebe eine Art visuelles Shopfloor-Management-Tool verwenden (vgl. Müller 2020, S. 23–24). Die Digitalisierung dieses Tools kann mit Standard-Apps wie Microsoft Teams, Power BI oder SharePoint kostengünstig realisiert werden und bietet den Vorteil, dass Daten in Echtzeit verfügbar sind und automatisiert ausgewertet werden können. Entscheidend ist dabei, dass die Digitalisierung nicht die persönliche Kommunikation am Shopfloor ersetzt, sondern ergänzt.

Kaskadierung über mehrere Ebenen

Ein durchgängiges Shopfloor-Management-System erstreckt sich über mehrere Hierarchieebenen. Die Informationen werden von der Teamebene über die Abteilungsebene bis zur Werksebene kaskadiert. Auf jeder Ebene finden regelmäßige Besprechungen statt, bei denen die relevanten Informationen verdichtet und an die nächste Ebene weitergegeben werden. So entsteht ein durchgängiger Informationsfluss, der sicherstellt, dass Probleme schnell eskaliert und strategische Entscheidungen auf Basis aktueller Daten getroffen werden können.

Die zeitliche Taktung der Besprechungen folgt dabei einem definierten Rhythmus: Während auf Teamebene täglich oder sogar schichtweise kurze Abstimmungen stattfinden, werden die Ergebnisse auf Abteilungsebene in einer wöchentlichen Runde zusammengefasst. Auf Werks- oder Unternehmensebene findet die Verdichtung der Informationen im monatlichen oder quartalsweisen Rhythmus statt. Diese Kaskadierung stellt sicher, dass sowohl operative Probleme als auch strategische Fragestellungen an der richtigen Stelle bearbeitet werden.

Erfolgsfaktoren und häufige Stolpersteine

Für ein nachhaltiges Shopfloor Management müssen mehrere Faktoren zusammenwirken. An erster Stelle steht die Verpflichtung und volle Hingabe des Managements, um dem System den notwendigen Stellenwert einzuräumen. Ohne die aktive Teilnahme der Führungskräfte an den Shopfloor-Runden wird das System schnell zur leeren Hülse. Weitere Erfolgsfaktoren sind klare Rollen und Verantwortlichkeiten, realistische Kennzahlen, die tatsächlich steuerungsrelevant sind, sowie eine konsequente Nachverfolgung vereinbarter Maßnahmen.

Häufige Stolpersteine sind: zu viele Kennzahlen auf dem Board, die den Blick auf das Wesentliche verstellen; Besprechungen, die zu lang dauern und keinen klaren Fokus haben; mangelnde Disziplin bei der Aktualisierung der Informationen; sowie die fehlende Verknüpfung von erkannten Problemen mit konkreten Verbesserungsmaßnahmen. Ein weiterer häufiger Fehler besteht darin, Shopfloor Management als reines Kontroll­instrument zu verstehen, anstatt es als Plattform für Zusammenarbeit und gemeinsame Problemlösung zu nutzen.

Praxistipp: Halten Sie die tägliche Shopfloor-Besprechung kurz und fokussiert, 10 bis 15 Minuten im Stehen genügen. Konzentrieren Sie sich auf Abweichungen und Maßnahmen, nicht auf die Wiederholung bekannter Fakten. Die regelmäßige Teilnahme aller relevanten Personen ist wichtiger als eine perfekte Daten­grundlage.

Shopfloor Management und Lean-Kultur

Shopfloor Management ist weit mehr als ein Werkzeug, es ist Ausdruck einer Lean-Kultur, in der Führung als Dienst am Mitarbeiter und am Prozess verstanden wird. Die Umsetzung von Genba Kanri (Shopfloor Management) ist eine der Voraussetzungen, damit Verbesserungsaktivitäten direkt am Ort des Geschehens gesteuert werden können (vgl. May/Schimek 2015, S. 17). In Kombination mit den Prinzipien der Standardisierung und der visuellen Steuerung schafft Shopfloor Management die Grundlage für eine nachhaltige Verbesserungskultur.

Entscheidend ist die Erkenntnis, dass Shopfloor Management kein einmaliges Einführungsprojekt ist, sondern ein lebendiges System, das kontinuierlich weiterentwickelt werden muss. Die besten Ergebnisse erzielen Unternehmen, die das Shopfloor-Management-System regelmäßig hinterfragen, anpassen und verbessern, ganz im Sinne des Kaizen-Gedankens. Denn wie bei allen Lean-Werkzeugen gilt: Nicht das Werkzeug selbst führt zum Erfolg, sondern die Art und Weise, wie die Menschen damit arbeiten.

Quellenangaben

May, C.; Schimek, P. (2015): Total Productive Management. 3. korr. Aufl., CETPM Publishing, Herrieden, S. 17.

Rother, M.; May, C. (2019): Das KATA Praxishandbuch, Anpassungsfähiger und innovativer mit 20 Minuten täglicher Übung. Deutscher Management Verlag, Herrieden, S. 36–44.

Orth, T. (2016): Shopfloor Management näher beleuchtet, Teil 1: Welche Rolle kommt der Führungskraft beim Shopfloor Management zu?, in: YOKOTEN 04/2016, S. 8–10.

Franke, K.; Oelschleger, B. (2014): Signale sichtbar machen, Shop Floor Management vs. Gemba Kanri, in: YOKOTEN 01/2014, S. 10–12.

Roser, C. (2015): Ein kleiner Shopfloor-Knigge, Zehn Gebote für den Umgang mit Menschen in der Produktion, in: YOKOTEN 03/2015, S. 6–10.

Schwarz, T. (2016): Aus dem Leben eines KATA-Coaches, Teil 9: KATA und Shopfloor Management, in: YOKOTEN 06/2016, S. 18–21.

Gelbrich, P. (2019): Lösungsansätze für erfolgreiches Shopfloor Management, in: YOKOTEN 05/2019.

Marius Müller-Seegers (2020): Shopfloor Management digital, in: YOKOTEN 03/2020, S. 20–23.

Meiss, M.; Müller-Seegers, M. (2019): Digitales Shopfloor Management, in: YOKOTEN 05/2019.

Weiterführende Literatur

OJT Solutions Inc. (2017): Toyotas Geheimrezepte für die Mitarbeiterentwicklung. Übers. v. M. Furukawa-Caspary, CETPM Publishing, Herrieden.

Melas, C.; Hartmann, H.-S. (2020): Wettbewerbsfähigkeit steigern, Management Contribution als Ergänzung zum klassischen Shopfloor Management, in: YOKOTEN 06/2020, S. 12–17.

Müller-Seegers, M. (2020): Shopfloor Management digital, Die fünf Phasen für eine erfolgreiche Digitalisierung, in: YOKOTEN 03/2020, S. 20–23.

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