Work in Process (WIP), auf Deutsch „Umlaufbestand“ oder „Ware in Arbeit“, bezeichnet alle Materialien, Halbfertigprodukte und Baugruppen, die sich zu einem bestimmten Zeitpunkt zwischen dem ersten und dem letzten Prozessschritt der Fertigung befinden. WIP ist gebundenes Kapital, das keinen Wert für den Kunden schafft, solange es nicht zu einem fertigen Produkt verarbeitet und ausgeliefert wurde. Im Lean Management gilt ein hoher WIP-Bestand als eines der deutlichsten Symptome für Verschwendung und ineffiziente Prozesse.
Der Zusammenhang zwischen WIP und Durchlaufzeit ist fundamental: Je höher der Umlaufbestand, desto länger benötigt ein einzelnes Teil, um die gesamte Wertschöpfungskette zu durchlaufen. Dieses Prinzip ist als Littles Gesetz bekannt: Durchlaufzeit = WIP ÷ Durchsatz. Daraus folgt unmittelbar, dass eine Reduktion des WIP bei gleichbleibendem Durchsatz die Durchlaufzeit verkürzt, und damit die Lieferfähigkeit verbessert.
Im Wertstromdesign wird der WIP-Bestand zwischen allen Prozessschritten als Dreieck-Symbol erfasst und in Stückzahl oder Tagen angegeben. Diese Visualisierung macht auf einen Blick sichtbar, wo sich Material staut und wo Fließen möglich wäre (vgl. Klevers 2015, S. 28–29). Die Differenz zwischen der reinen Bearbeitungszeit (Value-Adding Time) und der Durchlaufzeit zeigt den Anteil, in dem Material lediglich wartet, typischerweise über 95 % der Gesamtzeit.
Hohe Umlaufbestände entstehen aus unterschiedlichen Gründen. Zu den häufigsten zählen:
Im Toyota-Produktionssystem wird die gezielte Senkung des WIP als strategischer Hebel eingesetzt, um Schwachstellen aufzudecken. Die berühmte Analogie lautet: WIP ist wie der Wasserstand in einem Fluss, senkt man das Wasser, werden die Felsen (Probleme) sichtbar. Durch schrittweise Bestandsreduzierung werden Qualitätsprobleme (vgl. Klevers 2015, S. 17–18), Engpässe und organisatorische Defizite aufgedeckt, die zuvor durch hohe Bestände kaschiert wurden.
Konkrete Instrumente zur WIP-Reduktion sind Kanban-Regelkreise, Supermärkte mit definierter Obergrenze, FIFO-Strecken (FIFO) und die Verkettung von Prozessschritten zum One-Piece-Flow. Jedes dieser Werkzeuge begrenzt die Menge an WIP zwischen zwei Prozessschritten auf ein definiertes Maximum (vgl. Roser 2017, S. 20–22). Ergänzend sorgen SMED-Maßnahmen für kürzere Rüstzeiten und damit für kleinere Losgrößen (vgl. Teeuwen/Grombach 2019, S. 15–20).
Merksatz: WIP ist gebundenes Kapital und Symptom zugleich. Er bindet finanzielle Mittel, belegt Fläche, erhöht die Durchlaufzeit und verdeckt Prozessprobleme. Die konsequente WIP-Begrenzung ist daher einer der wirkungsvollsten Hebel auf dem Weg zu einer schlanken Produktion.
Roser, C. (2017): Supermarkt und FIFO-Strecke, in: YOKOTEN 01/2017, S. 20–22.
Kanban in der Praxis, in: YOKOTEN 05/2012, S. 5–7.
Roser, C. (2016): Supermarkt und FIFO-Strecke, in: YOKOTEN 06/2016, S. 22–26.
Roser, C. (2022): Standardisierte Arbeit, Teil 4: Linienlayout, in: YOKOTEN 04/2022.