On-the-job Training (OJT) bezeichnet eine Form der Mitarbeiterentwicklung, bei der Wissen und Fähigkeiten direkt am Arbeitsplatz, im realen Arbeitsprozess und unter Anleitung eines erfahrenen Kollegen oder Vorgesetzten vermittelt werden. Im Toyota-Produktionssystem gilt OJT als bevorzugte Qualifizierungsmethode, weil es die Kluft zwischen theoretischem Wissen und praktischer Anwendung überbrückt. Toyota hat OJT zu einem systematischen Entwicklungsinstrument ausgebaut, das weit über ein bloßes „Einarbeiten“ hinausgeht.
Toyotas OJT-Ansatz basiert auf dem Grundsatz, dass Führungskräfte die primäre Verantwortung für die Entwicklung ihrer Mitarbeiter tragen (vgl. OJT Solutions 2017, S. 31–33). Diese Verantwortung kann nicht an eine Personalabteilung oder einen externen Trainer delegiert werden. Jeder Vorgesetzte ist zugleich Lehrer, und die Fähigkeit, andere zu entwickeln, wird als zentrale Führungskompetenz betrachtet.
OJT bei Toyota folgt einer strukturierten Vier-Stufen-Methode, die auf das Training Within Industry (TWI) der 1940er-Jahre zurückgeht: Erstens wird der Lernende vorbereitet und motiviert. Zweitens demonstriert der Trainer die Tätigkeit und erklärt jeden Schritt mit seinen Schlüsselpunkten. Drittens führt der Lernende die Tätigkeit selbst aus und erklärt dabei die Schlüsselpunkte. Viertens übt der Lernende eigenständig, während der Trainer die Ausführung beobachtet und Feedback gibt.
Die Grundlage für wirksames OJT bilden Job-Instruction-Blätter, die jeden Arbeitsschritt mit seinen Schlüsselpunkten und den Gründen für diese Schlüsselpunkte dokumentieren. Anders als reine Arbeitsanweisungen betonen Job-Instruction-Blätter das „Warum“ hinter jedem Schritt. Wenn der Mitarbeiter versteht, warum ein bestimmter Handgriff in einer bestimmten Reihenfolge ausgeführt werden muss, steigt die Einhaltungsquote deutlich gegenüber einer reinen Vorschrift.
Die Erstellung dieser Unterlagen ist selbst ein Lernprozess: Führungskräfte müssen ihre eigenen Tätigkeiten bis ins Detail analysieren, um sie vermitteln zu können. Häufig werden dabei Standardisierungslücken und Verbesserungspotenziale entdeckt, die zuvor unbemerkt geblieben waren. OJT trägt so nicht nur zur Qualifizierung bei, sondern auch zur kontinuierlichen Prozessverbesserung im Sinne von Kaizen.
Im Rahmen von TPM wird OJT systematisch mit einer Skill-Matrix verknüpft. Die Matrix zeigt für jeden Mitarbeiter den aktuellen Qualifikationsstand in allen relevanten Tätigkeiten an, typischerweise auf einer Vier-Stufen-Skala von „kann die Tätigkeit nicht ausführen“ bis „kann die Tätigkeit selbstständig ausführen und andere anleiten“. Aus der Matrix leitet die Führungskraft den individuellen Entwicklungsbedarf ab und plant gezielt OJT-Maßnahmen.
Ziel ist eine möglichst hohe Polyvalenz im Team: Jeder Mitarbeiter beherrscht mehrere Arbeitsplätze, sodass das Team flexibel auf Schwankungen in der Auslastung, Krankheitsausfälle oder Produktwechsel reagieren kann. Die Skill-Matrix wird am Shopfloor-Board visualisiert und in der täglichen Besprechung im Sinne des Shopfloor Managements besprochen.
Praxistipp: Planen Sie OJT nicht nebenbei ein, sondern reservieren Sie feste Zeitfenster im Schichtplan. Gutes OJT erfordert die volle Aufmerksamkeit von Trainer und Lernendem. Rechnen Sie bei einer neuen Tätigkeit mit drei bis fünf Wiederholungen, bis der Lernende die Schlüsselpunkte sicher verinnerlicht hat. Dokumentieren Sie den Fortschritt in der Skill-Matrix.
OJT und Off-the-job-Training ergänzen einander, ersetzen sich jedoch nicht. Theoretische Grundlagen, Sicherheitsunterweisungen oder die Vermittlung von Hintergrundwissen eignen sich für Schulungsraum-Formate. Die Übertragung in die Praxis, das Erlernen manueller Fertigkeiten und die Verinnerlichung von Standards gelingen jedoch nur am realen Arbeitsplatz. Toyota kombiniert beide Formate gezielt: Neue Mitarbeiter durchlaufen zunächst eine theoretische Grundausbildung und üben anschließend unter Anleitung am Arbeitsplatz, bis sie die geforderte Qualifikationsstufe erreichen.
OJT Solutions 2017, S. 31–33