Andon ist ein visuelles Signalsystem, das seinen Ursprung im Toyota-Produktionssystem hat. Der japanische Begriff bedeutet wörtlich „Laterne“ oder „Papierlampe“ und bezeichnet ein System aus Lichtsignalen, Tafeln oder elektronischen Anzeigen, mit dem der aktuelle Zustand eines Produktionsprozesses für alle Beteiligten sichtbar gemacht wird. Andon ermöglicht es Mitarbeitern, bei Abweichungen oder Problemen sofort Hilfe anzufordern, und ist damit ein zentrales Werkzeug des Shopfloor Managements und der Qualitätssicherung am Ort der Wertschöpfung (vgl. Roser 2016, S. 20–21).
Ein typisches Andon-System besteht aus mehreren Komponenten: einer Andon-Leine oder einem Andon-Knopf am Arbeitsplatz, mit dem der Mitarbeiter ein Signal auslösen kann, sowie einer gut sichtbaren Andon-Tafel (Andon-Board), die den Status aller Stationen der Produktionslinie anzeigt. Die Signale nutzen in der Regel ein Ampelsystem: Grün zeigt den Normalbetrieb an, Gelb signalisiert eine Abweichung oder einen Hilfebedarf, und Rot bedeutet Stillstand der Linie (vgl. Roser 2016, S. 22–23).
Entscheidend ist die unmittelbare Reaktion auf ein Andon-Signal: Wird die Leine gezogen, eilt der Teamleiter oder ein Springer zur betroffenen Station, um das Problem noch innerhalb des Arbeitstaktes zu lösen. Gelingt dies, läuft die Linie weiter. Gelingt es nicht, stoppt die Linie am Ende des aktuellen Taktes, nicht sofort, sondern kontrolliert. Dieses Prinzip des kontrollierten Linienstopps unterscheidet Andon von einem Not-Aus-Schalter.
Andon ist ein wesentliches Element des Jidoka-Prinzips (Autonomation), einer der beiden tragenden Säulen des Toyota-Produktionssystems neben Just-in-Time. Jidoka bedeutet, dass Maschinen und Menschen Qualitätsprobleme sofort erkennen und den Prozess stoppen, anstatt fehlerhafte Teile weiterzureichen. Das Andon-System gibt jedem Mitarbeiter die Befugnis und die Pflicht, bei Qualitätsabweichungen die Linie zu stoppen, ein Prinzip, das dem westlichen Verständnis von Produktionseffizienz zunächst widerspricht.
Die Philosophie dahinter: Ein kurzfristiger Produktionsstopp ist weniger kostspielig als die Weitergabe fehlerhafter Teile an nachfolgende Prozessschritte, wo die Fehlerbeseitigung exponentiell teurer wird. Andon sorgt dafür, dass Probleme dort gelöst werden, wo sie entstehen, am Gemba. Gleichzeitig macht das System Problemhäufungen sichtbar und liefert damit wertvolle Daten für systematische Verbesserungsaktivitäten (vgl. Roser 2016, S. 23–24).
Kerngedanke: Andon ist weit mehr als eine Signallampe. Es ist Ausdruck einer Unternehmenskultur, in der Transparenz, sofortige Problemlösung und die Befugnis jedes Mitarbeiters, den Prozess zu stoppen, als Grundvoraussetzungen für exzellente Qualität gelten.
In modernen Fabriken hat sich das Andon-Konzept über die klassische Signalleine hinaus weiterentwickelt. Digitale Andon-Boards zeigen Echtzeitdaten wie OEE, Stückzahlen, Taktzeiten und offene Probleme auf großen Bildschirmen am Shopfloor an. Mobile Andon-Lösungen ermöglichen es, Signale über Smartphones oder Tablets auszulösen und zu verfolgen. Die Grundidee bleibt jedoch unverändert: Transparenz schaffen, schnell reagieren und Probleme nachhaltig lösen.
Auch in administrativen Bereichen findet das Andon-Prinzip zunehmend Anwendung. Digitale Dashboards im Lean Office machen den Status von Aufträgen, Anfragen oder Projekten sichtbar und signalisieren Engpässe oder Überlastungen. Im Kontext hybrider Arbeitsmodelle können digitale Andon-Systeme physische und virtuelle Teams gleichzeitig informieren. Der Übertragungsgedanke lautet: Überall dort, wo Abweichungen vom Standard frühzeitig erkannt und eskaliert werden sollen, ist ein Andon-Ansatz sinnvoll.
Roser, C. (2016): Andon, mehr als nur Lichter, Knöpfe und Leinen, in: YOKOTEN 04/2016, S. 20–24.