Make to Order (MTO), auf Deutsch Auftragsfertigung, ist eine Produktionsstrategie, bei der die Herstellung eines Produkts erst nach Eingang eines konkreten Kundenauftrags beginnt. Im Gegensatz zur Make to Stock (MTS)-Strategie, bei der auf Lager produziert wird, entsteht bei MTO kein Fertigwarenlager. Stattdessen wird jeder Auftrag individuell eingeplant und durchläuft den gesamten Wertschöpfungsprozess vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt erst dann, wenn der Kundenbedarf feststeht. Der Vorteil liegt in niedrigen Lagerbeständen und hoher Kundenorientierung; die Herausforderung besteht in längeren Lieferzeiten im Vergleich zur Lagerfertigung.
Die Entscheidung zwischen Auftragsfertigung und Lagerfertigung zählt zu den grundlegenden strategischen Weichenstellungen in der Produktionsplanung. Bei MTS werden Produkte auf Basis von Prognosen gefertigt und in einem Fertigwarenlager vorgehalten. Der Kunde erhält die Ware sofort aus dem Bestand. Bei MTO hingegen wird erst nach Auftragseingang produziert, der Kundenauftragsentkopplungspunkt (Customer Order Decoupling Point, CODP) liegt also vor der Fertigung (vgl. Roser 2023a). Beide Strategien haben Vor- und Nachteile, die sorgfältig gegenüber den Anforderungen des Marktes abgewogen werden müssen.
Typische Kriterien für die Wahl der Fertigungsstrategie sind die Vorhersehbarkeit der Nachfrage, die Variabilität des Produktprogramms, die Haltbarkeit der Produkte und die akzeptable Lieferzeit. Produkte mit hoher Variantenvielfalt, kundenindividueller Konfiguration oder hohem Wert eignen sich besonders für MTO. Standardprodukte mit stabiler, planbarer Nachfrage werden dagegen häufig nach dem MTS-Prinzip gefertigt (vgl. Roser 2023b).
Die größte Herausforderung der Auftragsfertigung liegt in der Lieferzeit: Der Kunde muss warten, bis das Produkt gefertigt ist. In Märkten, die kurze Lieferzeiten erwarten, kann MTO daher nachteilig sein. Zudem ist die Produktionsplanung bei MTO komplexer, weil jeder Auftrag einzeln eingeplant werden muss und die Auslastung der Kapazitäten stärkeren Schwankungen unterliegt (vgl. Roser 2023b). Eine ungleichmäßige Auftragslage führt zu Kapazitätsspitzen und Leerlaufzeiten, ein Phänomen, dem mit Heijunka (Produktionsnivellierung) begegnet werden kann.
Ein weiterer Aspekt ist die Abhängigkeit von einer leistungsfähigen Auftragsabwicklung. Vom Auftragseingang über die Konstruktion bis zur Arbeitsvorbereitung müssen alle Schritte effizient ineinandergreifen, damit die Durchlaufzeit kurz bleibt. Methoden des Lean Management wie Wertstromanalyse und SMED (schnelles Rüsten) helfen dabei, die internen Durchlaufzeiten zu verkürzen und die Flexibilität der Auftragsfertigung zu steigern.
Aus Sicht des Lean Management entspricht die Auftragsfertigung dem Pull-Prinzip: Der Kundenauftrag zieht die Produktion, anstatt dass eine Planungsabteilung Produkte in den Markt drückt. Pull-Produktion und MTO sind jedoch nicht identisch, auch bei MTS kann nach dem Pull-Prinzip gefertigt werden, wenn beispielsweise ein Supermarkt-System den Nachschub steuert (vgl. Roser 2020, S. 23–25). MTO ist vielmehr eine Auftragsstrategie, während Pull ein Steuerungsprinzip innerhalb der Fertigung beschreibt.
Praxisbezug: In der industriellen Realität existieren häufig hybride Strategien. Viele Unternehmen nutzen MTS für Standardkomponenten und MTO für kundenspezifische Endmontagen, ein Ansatz, der als Assemble to Order (ATO) bezeichnet wird. Entscheidend ist, den Kundenauftragsentkopplungspunkt an der richtigen Stelle in der Wertschöpfungskette zu positionieren.
Roser, C. (2023a): MTO versus MTS, Teil 2: Auftragsfertigung vs. Lagerfertigung, in: YOKOTEN 01/2023.
Roser, C. (2023b): MTO vs. MTS, Teil 3: Zusätzliche Entscheidungsfaktoren, in: YOKOTEN 02/2023.
Roser, C. (2020): Pull-Produktion, in: YOKOTEN 01/2020, S. 23–25.
Klevers, T. (2015): Agile Prozesse mit Wertstrom-Management. CETPM Publishing, Herrieden.