Kanban (japanisch für Kärtchen oder Aushängeschild) ist ein signalbasiertes Steuerungssystem zur Realisierung des Pull-Prinzips im Materialfluss. Anstatt Materialien auf Basis von Prognosen in den Prozess zu drücken (Push), löst der tatsächliche Verbrauch ein Signal aus, das den vorgelagerten Prozess zur Nachproduktion oder Nachlieferung veranlasst. Kanban ist damit ein zentrales Werkzeug zur Vermeidung von Überproduktion und überhöhten Beständen, zwei der schwerwiegendsten Formen der Verschwendung.
Das Grundprinzip von Kanban ist einfach: Wenn im nachfolgenden Prozess Material verbraucht wird, sendet der abnehmende Prozess eine Information (die Kanban-Karte) an den zuliefernden Prozess zurück. Erst dieses Signal gibt die Freigabe, das verbrauchte Teil nachzuproduzieren oder nachzuliefern. Der zuliefernde Prozess arbeitet also „a posteriori“, er produziert nur das, was tatsächlich verbraucht wurde.
Kanban ist ein Nachschubsystem, das genutzt wird, um zu garantieren, dass in der Aufeinanderfolge von vorhergehenden und nachfolgenden Prozessen immer Teile, Halbfabrikate oder Verpackungsmaterialien verfügbar sind (vgl. Klevers 2015, S. 101–104). Es verbindet damit die Materialverfügbarkeit mit einer konsequenten Begrenzung der Bestände.
In der Praxis haben sich verschiedene Ausprägungen des Kanban-Systems etabliert:
Im Lean Management ist der Supermarkt das Zwischenlager, aus dem der nachfolgende Prozess die benötigten Teile entnimmt. Das Kanban-System steuert die Wiederauffüllung dieses Supermarkts. Ohne einen funktionierenden Supermarkt kann Kanban in der Produktion nicht wirksam eingesetzt werden (vgl. Roser 2017, S. 22–25). Die Kombination aus Supermarkt und Kanban bildet das Rückgrat einer Pull-Produktion.
Kanban funktioniert am besten bei relativ stabiler Nachfrage und wiederkehrenden Produkten. Für Kanban ist ein gewisser Grad an Verbrauchsgleichmäßigkeit erforderlich, starke Nachfrageschwankungen (Mura) können das System überfordern. In solchen Fällen ist Heijunka (Produktionsnivellierung) eine wichtige ergänzende Maßnahme, um die Schwankungen zu glätten und Kanban wirksam einsetzen zu können.
Die Anzahl der Kanban-Karten im Umlauf bestimmt direkt die Höhe der Bestände im System. Durch schrittweise Reduktion der Kartenzahl werden Probleme im Prozess sichtbar gemacht, ein typisches Lean-Prinzip: Bestände senken, um Schwachstellen aufzudecken. Auf diese Weise ist Kanban nicht nur ein Steuerungsinstrument, sondern zugleich ein Treiber für Kaizen.
Praxisbeispiel: Das Kanban-Prinzip lässt sich anschaulich am Beispiel eines Cafés erklären: Ein Gast vereinbart mit dem Barmann, dass immer zwei volle Gläser auf der Theke stehen. Sobald er eines ausgetrunken hat, ist das leere Glas das Signal für den Barmann, ein neues zu füllen.
Roser, C. (2017): Ohne Supermarkt kein Kanban in der Produktion, in: YOKOTEN 04/2017, S. 22–25.
Roser, C. (2022): Verhalten eines Kanban-Supermarktes, in: YOKOTEN 02/2022.
Roser, C. (2020): Pull-Produktion, in: YOKOTEN 01/2020, S. 23–25.