Überproduktion bezeichnet die Herstellung von mehr Produkten oder Informationen als die nachfolgende Prozessstufe oder der Kunde zum jeweiligen Zeitpunkt benötigt. Im Toyota-Produktionssystem gilt Überproduktion als die schlimmste der sieben Verschwendungsarten, da sie alle anderen Verlustarten verdeckt und vergrößert. Zu den Managementverlusten gehören unter anderem Überproduktion und zu hohe Lagerbestände, die durch mangelnde Planungsprozesse entstehen (vgl. May/Schimek 2015, S. 30).
Überproduktion wird als „Mutter aller Verschwendung“ betrachtet, weil sie unmittelbar weitere Verluste nach sich zieht: Sie erhöht Bestände, bindet Kapital, belegt Lagerfläche und verlängert die Durchlaufzeit. Darüber hinaus verdeckt sie Qualitätsprobleme, weil fehlerhafte Teile in großen Beständen unentdeckt bleiben können. Je höher der Lagerbestand, desto mehr müssen Produkte transportiert und verschoben werden, eine Folgeverschwendung, die aus der Perspektive des Kunden keinen Mehrwert schafft.
Überproduktion ist auch gegeben, wenn früher produziert wird als eigentlich erforderlich. Unternehmen fassen häufig Kundenaufträge zu vermeintlich „wirtschaftlichen Losgrößen“ zusammen und geben sie zu früh in die Fertigung. Die Teile liegen dann über Wochen im Lager, binden Kapital und verursachen zusätzlichen Handlingaufwand.
Die Ursachen für Überproduktion liegen häufig in einer push-orientierten Produktionssteuerung, bei der Aufträge auf Basis von Prognosen und nicht nach tatsächlichem Kundenbedarf eingeplant werden. Weitere Treiber sind:
Das wirksamste Gegenmittel gegen Überproduktion ist das Pull-Prinzip: Erst wenn der nachgelagerte Prozess oder der Kunde Bedarf signalisiert, wird produziert. Supermarkt-Systeme und Kanban-Steuerung begrenzen die Bestände physisch und verhindern unkontrollierte Vorproduktion (vgl. Roser 2016, S. 22–26). Ergänzend unterstützt Heijunka (Produktionsnivellierung) die gleichmäßige Verteilung der Produktion über den Planungszeitraum, sodass Spitzen und Überproduktion vermieden werden.
Darüber hinaus ist die konsequente Rüstzeitreduzierung mittels SMED ein Hebel, der Überproduktion an der Wurzel bekämpft: Je schneller eine Maschine umgerüstet werden kann, desto wirtschaftlicher werden kleine Losgrößen, und der Anreiz zur Vorproduktion entfällt.
Praxishinweis: In Prozessen, die über die benötigte Menge hinaus produzieren, wird zur korrekten Herstellung aufgrund von Prozessschwankungen mehr Material eingesetzt als nötig. Dieses „vorsorgliche“ Überproduzieren führt zu Materialverschwendung und verdeckt die eigentlichen Prozessprobleme.
Roser, C. (2016): Supermarkt und FIFO-Strecke, in: YOKOTEN 06/2016, S. 22–26.
Roser, C. (2015): Muda, Mura, Muri, in: YOKOTEN 05/2015, S. 23–27.
May, C.; Syska, M. (2020): Muda-Jobs greifen um sich, in: YOKOTEN 01/2020, S. 26–28.