Supermarkt bezeichnet im Lean-Kontext eine definierte Pufferzone in der Produktion, in der Material in festgelegten Mengen und Varianten bereitgestellt wird. Nachgelagerte Prozesse entnehmen nach dem Pull-Prinzip genau das, was sie benötigen, und lösen damit automatisch den Nachschub aus dem vorgelagerten Prozess aus (vgl. Roser 2016, S. 22–26). Das Supermarkt-Konzept ist ein zentrales Element der Pull-Produktion und bildet die Schnittstelle zwischen Prozessen, die nicht direkt im Fluss miteinander verbunden werden können.
Ein Supermarkt funktioniert nach dem Vorbild eines Lebensmittel-Supermarkts: Der Kunde (nachgelagerter Prozess) nimmt ein Produkt aus dem Regal, und die entstandene Lücke löst eine Nachbestellung beim Lieferanten (vorgelagerter Prozess) aus. Dieses Prinzip wird typischerweise durch Kanban-Karten gesteuert. Jeder Behälter im Supermarkt ist mit einer Kanban-Karte versehen. Wird ein Behälter entnommen, wandert die Karte als Produktionssignal zum vorgelagerten Prozess und autorisiert die Nachproduktion genau dieser Menge (vgl. Roser 2017, S. 22–25).
Die Menge im Supermarkt ist begrenzt und definiert, es gibt ein Maximum und ein Minimum für jede Variante. Damit unterscheidet sich der Supermarkt grundlegend von einem unkontrollierten Zwischenlager: Während ein Puffer beliebig wachsen kann, ist der Supermarkt ein bewusst dimensionierter, selbstregulierender Bestand (vgl. Roser 2022, S. 19–21).
Die richtige Dimensionierung eines Supermarkts ist entscheidend für die Funktionsfähigkeit des Pull-Systems. Zu wenig Bestand führt zu Versorgungsengpässen und Produktionsstillständen; zu viel Bestand erhöht die Kapitalbindung und verschleiert Probleme. Die Supermarkt-Größe wird durch Faktoren wie Wiederbeschaffungszeit, Verbrauchsschwankung und gewünschtes Serviceniveau bestimmt. Eine schrittweise Reduzierung des Supermarkt-Bestands macht Schwachstellen im Prozess sichtbar und treibt so die kontinuierliche Verbesserung voran.
Supermärkte werden überall dort eingesetzt, wo ein kontinuierlicher Fluss (One-Piece-Flow) zwischen zwei Prozessen nicht möglich ist, beispielsweise bei stark unterschiedlichen Taktzeiten, großen räumlichen Entfernungen oder Batch-Prozessen. Sie sind das bevorzugte Verbindungselement in der Wertstromanalyse, wenn der Idealzustand des durchgängigen Flusses nicht erreichbar ist.
Die Alternative zum Supermarkt ist die FIFO-Strecke (First In, First Out), bei der die Reihenfolge der Teile erhalten bleibt und keine Variantenauswahl stattfindet (vgl. Roser 2016, S. 24–26). Supermärkte eignen sich besonders bei hoher Variantenvielfalt, während FIFO-Strecken bei geringer Variantenanzahl und stabilen Verbräuchen bevorzugt werden.
Praxisregel: Ohne Supermarkt kein funktionierendes Kanban in der Produktion. Der Supermarkt ist die physische Grundlage, auf der das Pull-System aufbaut, er macht den Materialfluss steuerbar und transparent.
Roser, C. (2016): Supermarkt und FIFO-Strecke, in: YOKOTEN 06/2016, S. 22–26.
Roser, C. (2017): Ohne Supermarkt kein Kanban in der Produktion, in: YOKOTEN 04/2017, S. 22–25.
Roser, C. (2022): Verhalten eines Kanban-Supermarktes, in: YOKOTEN 02/2022.
Roser, C. (2017): Supermarkt und FIFO-Strecke (Teil 2), in: YOKOTEN 01/2017, S. 20–22.