Sensei ist ein japanischer Ehrentitel, der wörtlich „früher geboren“ bedeutet und damit auf den Erfahrungsvorsprung einer Person hinweist. Im Lean- und TPM-Kontext bezeichnet Sensei einen erfahrenen Meisterlehrer, der über tiefes praktisches Wissen verfügt und dieses durch persönliche Anleitung am Gemba weitergibt. Anders als ein klassischer Berater gibt der Sensei keine fertigen Lösungen vor, sondern führt durch gezielte Fragen und Beobachtung zur Erkenntnis, eine Haltung, die der Coaching-Kata verwandt ist.
In der japanischen Gesellschaft ist Sensei ein universeller Ehrentitel für Lehrerinnen und Lehrer, Ärztinnen und Ärzte, Anwältinnen und Anwälte sowie andere respektierte Fachleute. Er drückt Wertschätzung für die Lehr- und Lebenserfahrung des Gegenübers aus. Im betrieblichen Kontext hat der Sensei-Begriff durch das Toyota-Produktionssystem (TPS) besondere Bedeutung erlangt: Erfahrene Führungskräfte und Meister geben ihr Wissen in langjährigen Meister-Schüler-Beziehungen weiter, eine Form des On-the-Job-Trainings (OJT), die tief in der japanischen Unternehmenskultur verwurzelt ist.
Die Beziehung zwischen Sensei und Schüler (Kohai) ist dabei keine Einbahnstraße. Der Sensei lernt durch das Lehren selbst ständig dazu und reflektiert seine eigene Praxis. Dieses wechselseitige Lernen ist ein Grundprinzip der japanischen Verbesserungsphilosophie: Wer andere entwickelt, entwickelt sich selbst.
Im westlichen Lean-Kontext wird der Sensei-Begriff für erfahrene Praktiker verwendet, die Unternehmen bei der Einführung und Weiterentwicklung von Lean Management und TPM begleiten. Ein Lean-Sensei zeichnet sich durch mehrere Eigenschaften aus: jahrzehntelange eigene Erfahrung in der Umsetzung, die Fähigkeit zur gezielten Fragetechnik am Gemba und die Bereitschaft, den Lernenden eigene Erfahrungen machen zu lassen, auch wenn dies länger dauert als eine direkte Anweisung.
Berühmte Sensei der Lean-Bewegung sind unter anderem Taiichi Ohno, der Schöpfer des Toyota-Produktionssystems, Shigeo Shingo, der SMED-Pionier, und Masaaki Imai, der Begründer des Kaizen-Instituts. Imai prägte den Kaizen-Begriff im Westen maßgeblich und förderte die Verbreitung japanischer Verbesserungsphilosophien in Europa und Nordamerika.
Der Sensei lehrt bevorzugt am Gemba, dem Ort des Geschehens, also der Werkshalle, dem Büro oder dem Prozess selbst. Diese Vor-Ort-Orientierung unterscheidet die Sensei-Methode fundamental von theoretischen Schulungen oder Beratungsansätzen, die ausschließlich in Konferenzräumen stattfinden. Am Gemba kann der Sensei auf reale Situationen zeigen, konkrete Probleme identifizieren und den Schüler durch direkte Beobachtung und Experiment zum Verständnis führen. Diese Praxis-Nähe entspricht dem japanischen Prinzip Genchi Genbutsu, „Geh hin und sieh selbst“.
Praxisbezug: Im CETPM an der Hochschule Ansbach spielt das Sensei-Prinzip eine wichtige Rolle: Erfahrene Praktiker aus Industrie und Beratung geben ihr Wissen in Seminaren, Benchmarktreffen und im berufsbegleitenden Studiengang Wertschöpfungsmanagement weiter. Die Lehrfabrik und das Lehrbüro am Campus Herrieden bieten dabei authentische Gemba-Situationen für praxisnahes Lernen.
Die Coaching-Kata nach Mike Rother kann als systematisierte Form des Sensei-Prinzips verstanden werden. Während der klassische Sensei-Ansatz stark von der persönlichen Erfahrung und Intuition des Lehrers abhängt, bietet die Coaching-Kata eine strukturierte Fragetechnik, die jede Führungskraft erlernen kann. In beiden Ansätzen geht es darum, den Lernenden nicht zu belehren, sondern durch gezielte Fragen zur eigenen Erkenntnis zu führen. Die Coaching-Kata macht das implizite Wissen des Sensei explizit und damit für Organisationen skalierbar.
Franke, K. (2014): Hitoshi Takeda, in: YOKOTEN 02/2014, S. 13.