Die MIFA (Material- und Informationsflussanalyse) ist eine systematische Methode zur Erfassung und Analyse aller Material- und Informationsflüsse entlang eines Wertstroms. Die MIFA bildet den analytischen Kern des Wertstrom-Managements und dient dazu, den Ist-Zustand eines Produktionsprozesses vollständig zu verstehen, bevor Verbesserungsmaßnahmen geplant werden. Im englischsprachigen Raum ist die Methode als Value Stream Mapping (VSM) bekannt. Das Ergebnis der MIFA ist ein MIFD (Material- und Informationsflussdiagramm), das den gesamten Wertstrom auf einem einzigen Blatt visuell darstellt.
Die MIFA verfolgt ein klares Ziel: Sie macht sichtbar, wie Material und Informationen tatsächlich durch ein Produktionssystem fließen, nicht wie es in ERP-Systemen dokumentiert ist, sondern wie es in der Realität am Gemba geschieht. Dabei werden sowohl wertschöpfende Aktivitäten als auch nicht wertschöpfende Tätigkeiten wie Warten, Transportieren und Lagern erfasst. Die Gegenüberstellung von Bearbeitungszeit und Durchlaufzeit offenbart das Verhältnis von Wertschöpfung zu Verschwendung und zeigt, wo die größten Verbesserungspotenziale liegen.
Ein wesentlicher Vorteil der MIFA gegenüber isolierten Prozessanalysen liegt in der ganzheitlichen Perspektive. Statt einzelne Arbeitsplätze oder Maschinen zu optimieren, betrachtet die MIFA den gesamten Wertstrom vom Wareneingang bis zum Versand. Diese Sichtweise verhindert Suboptimierung: Eine Verbesserung an einer Stelle, die an anderer Stelle neue Probleme erzeugt, wird durch die Gesamtbetrachtung sofort erkennbar.
Die MIFA beginnt mit der Auswahl einer Produktfamilie, deren Wertstrom analysiert werden soll. Eine Produktfamilie umfasst Produkte, die ähnliche Prozessschritte und Betriebsmittel nutzen. Anschließend begeht das Analyseteam den Wertstrom physisch, idealerweise rückwärts, vom Versand zum Wareneingang. Dieses Vorgehen entspricht dem Pull-Gedanken: Man beginnt beim Kunden und verfolgt den Fluss zurück bis zum Lieferanten (vgl. Klevers 2015, S. 61–63).
An jedem Prozessschritt werden Daten erhoben: Zykluszeit, Rüstzeit, Verfügbarkeit, Ausschussrate, Losgröße, Anzahl Bediener und Arbeitszeit. Zwischen den Prozessschritten werden Bestände gezählt, in Stückzahlen, nicht in Geldwerten. Zusätzlich wird der Informationsfluss erfasst: Wie werden Produktionsaufträge ausgelöst? Welche Planungssysteme steuern den Materialfluss? Wo erfolgt die Steuerung zentral (Push), wo dezentral per Kanban (Pull)? All diese Daten werden direkt vor Ort auf Papier mit Bleistift festgehalten, nicht am Computer (vgl. Klevers 2015, S. 37–48).
Die eigentliche Verbesserungsarbeit beginnt nach der Aufnahme des Ist-Zustands. Das Analyseteam identifiziert anhand des MIFD die wesentlichen Verlustquellen: überhöhte Bestände zwischen Prozessschritten, lange Rüstzeiten, die große Losbildung erzwingen, Push-gesteuerte Bereiche mit Materialstau oder fehlende Anbindung an den Kundentakt. Auf dieser Basis entwickelt das Team ein Soll-MIFD, das einen idealen zukünftigen Zustand beschreibt.
Der Soll-Zustand orientiert sich an Lean-Gestaltungsprinzipien: Fließen statt Stauen, Ziehen statt Schieben, Takten statt Planen. Konkret bedeutet dies den Aufbau von Fließfertigung wo möglich, die Einführung von Supermarkt-Systemen mit Kanban-Steuerung wo Fließen nicht möglich ist und die Festlegung eines Schrittmacherprozesses, der den Kundentakt in den Wertstrom einspielt. Der Verbesserungsplan wird in einzelne Kaizen-Projekte überführt, die schrittweise umgesetzt werden.
Kerngedanke: Die MIFA zeigt nicht nur, wo Verluste entstehen, sondern auch warum. Hohe Bestände sind nie die Ursache, sondern immer das Symptom. Die MIFA hilft, die dahinterliegenden Ursachen, lange Rüstzeiten, unzuverlässige Prozesse, fehlende Flusssteuerung, systematisch aufzudecken.
Die MIFA ist der erste Schritt im Wertstrom-Management-Zyklus. Auf die Analyse folgt das Wertstrom-Design (Soll-Zustand), darauf die Umsetzungsplanung und schließlich die Realisierung der Verbesserungen. Dieser Zyklus wird regelmäßig wiederholt, da jeder erreichte Soll-Zustand zum neuen Ist-Zustand wird, der weitere Verbesserungspotenziale enthält. Klevers betont, dass Wertstrom-Management kein einmaliges Projekt ist, sondern ein fortlaufender Managementprozess, der die strategische Ausrichtung der Produktion mit der operativen Verbesserungsarbeit verbindet.
In der Praxis empfiehlt sich die Durchführung der MIFA durch ein cross-funktionales Team unter Einbezug von Produktion, Logistik, Arbeitsvorbereitung und Instandhaltung. Die Führungskraft des Wertstroms leitet die Analyse und übernimmt die Verantwortung für die Umsetzung der Maßnahmen. Ohne diese klare Verantwortlichkeit bleiben MIFA-Ergebnisse häufig in der Analysephase stecken, ohne dass die erkannten Verbesserungen realisiert werden.