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Was ist "Kansei Engineering"?

Eine Definition aus dem CETPM-Lexikon

Kansei Engineering ist eine Methode der emotionalen und sensorischen Produktgestaltung, die subjektive Empfindungen und Wahrnehmungen von Nutzern systematisch in konkrete Designparameter übersetzt. Der Begriff Kansei umfasst im Japanischen das gesamte Spektrum menschlicher Empfindungen, von visuellen Eindrücken über haptische Wahrnehmungen bis hin zu emotionalen Reaktionen auf ein Produkt. Kansei Engineering macht diese subjektiven Empfindungen messbar und nutzt sie als Grundlage für Designentscheidungen.

Entstehung und Entwicklung

Die Methode wurde in den 1970er-Jahren von Mitsuo Nagamachi an der Universität Hiroshima entwickelt. Nagamachi erkannte, dass klassische Produktentwicklung sich vorwiegend auf technische Funktionalität und messbare Qualitätsmerkmale konzentriert, während die emotionale Wirkung eines Produkts auf den Nutzer weitgehend dem Zufall oder der Intuition einzelner Designer überlassen bleibt. Sein Ziel war es, eine Brücke zwischen der subjektiven Welt der Gefühle und der objektiven Welt der Ingenieurwissenschaften zu bauen (vgl. Nagamachi 2011, S. 1–18).

Mazda war eines der ersten Unternehmen, das Kansei Engineering systematisch in die Fahrzeugentwicklung integrierte. Der Mazda MX-5 Miata gilt als eines der bekanntesten Beispiele: Die Entwickler definierten das gewünschte Fahrgefühl, die Einheit von Fahrer und Fahrzeug, als zentrales Kansei-Merkmal und leiteten daraus Designentscheidungen für Gewichtsverteilung, Lenkung, Sitzposition und Motorcharakteristik ab.

Methodischer Ablauf

Kansei Engineering folgt einem strukturierten Prozess, der emotionale Nutzerbedürfnisse in technische Spezifikationen überträgt:

  • Kansei-Erfassung: In der ersten Phase werden die emotionalen Reaktionen und Erwartungen der Zielgruppe erhoben. Dies geschieht durch Befragungen, Beobachtungen und semantische Differenziale, Skalen, auf denen Nutzer ihre Eindrücke zwischen Gegensatzpaaren wie „sportlich,komfortabel“ oder „elegant,robust“ einordnen.
  • Kansei-Strukturierung: Die gesammelten Empfindungen werden kategorisiert und in eine hierarchische Struktur überführt. Aus hunderten von Einzeleindrücken werden die dominanten emotionalen Dimensionen identifiziert, die das Nutzererlebnis prägen.
  • Verknüpfung mit Designparametern: Mithilfe statistischer Methoden wird ermittelt, welche konkreten Produktmerkmale, Formen, Materialien, Farben, Oberflächen, Geräusche, die gewünschten Kansei-Eindrücke erzeugen. Diese Verknüpfung macht den emotionalen Eindruck technisch steuerbar.
  • Synthese und Validierung: Die gewonnenen Erkenntnisse werden in einen Designentwurf übersetzt und durch erneute Nutzertests überprüft. Dieser iterative Prozess stellt sicher, dass das Endprodukt die angestrebten emotionalen Reaktionen tatsächlich auslöst.

Anwendungsbereiche

Kansei Engineering findet heute in zahlreichen Branchen Anwendung. In der Automobilindustrie werden Fahrgefühl, Geräuschkulisse und Haptik von Bedienelementen systematisch gestaltet. In der Konsumgüterindustrie fließen Kansei-Erkenntnisse in die Gestaltung von Verpackungen, Produktoberflächen und Benutzerschnittstellen ein. Auch in der Architektur und Innenraumgestaltung wird die Methode genutzt, um Räume zu schaffen, die bestimmte Stimmungen und Emotionen hervorrufen.

Im Kontext von Lean Management ergänzt Kansei Engineering die traditionelle Fokussierung auf Effizienz und Verschwendungsvermeidung um die Dimension der Kundenerfahrung. Während Lean-Methoden sicherstellen, dass nur das produziert wird, was der Kunde tatsächlich benötigt, hilft Kansei Engineering zu verstehen, wie der Kunde das Produkt erleben möchte, jenseits rein funktionaler Anforderungen.

Praxishinweis: Für eine erste Annäherung an Kansei Engineering empfiehlt sich ein Workshop mit Zielkunden, in dem diese Produkte oder Prototypen anhand semantischer Differenziale bewerten. Bereits einfache Gegensatzpaare wie „wertig,billig“, „einladend,abweisend“ oder „innovativ,traditionell“ liefern wertvolle Hinweise für die Produktgestaltung. Die Ergebnisse lassen sich direkt in Pflichtenheft-Anforderungen übersetzen.

Quellenangaben

Nagamachi, M. (2011): Kansei/Affective Engineering. CRC Press, Boca Raton, S. 1–18.

Weiterführende Literatur

Nagamachi, M./Lokman, A. M. (2015): Innovations of Kansei Engineering. CRC Press, Boca Raton, S. 25–48.

Schütte, S. (2005): Engineering Emotional Values in Product Design. Kansei Engineering in Development. Dissertation, Linköping University, S. 31–56.

Verwandte Konzepte

  • Kaizen, Kontinuierliche Verbesserung, die durch Kansei Engineering um die emotionale Dimension der Kundenerfahrung erweitert werden kann.
  • Lean Management, Managementphilosophie, die den Kundenwert in den Mittelpunkt stellt und durch Kansei Engineering um emotionale Wertdimensionen ergänzt wird.
  • TPM, Ganzheitlicher Ansatz, der durch stabile Prozesse die Voraussetzung für die präzise Umsetzung emotional gestalteter Produktmerkmale schafft.

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