Glätten (japanisch: Narashi) bezeichnet in der schlanken Produktion die gleichmäßige Verteilung von Arbeitsvolumen und Produktionslast über einen definierten Zeitraum. Es ist ein Teilelement des umfassenderen Heijunka-Konzepts, das neben der Volumenglättung auch die Nivellierung des Produktmixes umfasst. Während Heijunka den Gesamtansatz der Produktionsnivellierung beschreibt, fokussiert sich Glätten auf die erste Dimension: die Vermeidung von Auslastungsspitzen und -tälern, um einen stabilen und vorhersagbaren Produktionsrhythmus zu schaffen.
In vielen Unternehmen schwankt die Produktionslast erheblich: Aufträge werden in der Reihenfolge ihres Eingangs bearbeitet, Eilaufträge drängen sich vor, und zum Monatsende wird häufig mehr produziert als in den ersten Wochen. Diese Schwankungen verursachen eine Kaskade von Problemen: In Spitzenzeiten werden Überstunden geleistet, Maschinen überlastet und Qualitätsstandards unter Druck gesetzt. In schwachen Phasen stehen Mitarbeiter und Maschinen unproduktiv bereit. Die Folge sind hohe Kosten, schwankende Qualität und unzuverlässige Liefertermine.
Glätten wirkt diesem Muster entgegen, indem das verfügbare Produktionsvolumen gleichmäßig auf die Arbeitstage verteilt wird. Statt 1.000 Stück an einem Tag und 200 am nächsten zu fertigen, wird ein tägliches Produktionsniveau von 600 Stück angestrebt. Diese Glättung reduziert die Belastungsschwankungen auf allen Ebenen: für Mitarbeiter, Maschinen, Logistik und Zulieferer. Die gesamte Wertschöpfungskette profitiert von einem stabilen, vorhersagbaren Rhythmus.
Ein geglättetes Produktionsvolumen ist eine wesentliche Voraussetzung für das Funktionieren von Pull-Systemen. Wenn die Kundennachfrage stark schwankt, müssen Bestände als Puffer vorgehalten werden, was dem Lean-Gedanken der Bestandsreduzierung widerspricht. Durch Glätten wird die Nachfrage in eine gleichmäßige Produktionsrate übersetzt, die es ermöglicht, mit minimalen Beständen zu arbeiten und dennoch eine hohe Liefertreue zu erreichen.
Im Toyota-Produktionssystem wird der geglättete Produktionsplan am sogenannten Schrittmacherprozess (Taktgeber) eingesteuert. Nur dieser eine Prozess erhält einen Produktionsauftrag, alle vorgelagerten Prozesse werden über Kanban-Signale im Pull-Prinzip gesteuert. Damit die Pull-Steuerung funktioniert, muss der Produktionsplan am Schrittmacher geglättet sein, weil sonst die Schwankungen durch die gesamte Kette weitergegeben würden.
Das wichtigste Werkzeug zur Umsetzung der Glättung ist die Heijunka-Box (Nivellierungskasten). Dies ist ein physisches Steckbrett, in dem Produktionsaufträge in gleichmäßigen Zeitabschnitten verteilt werden. Jede Spalte der Box repräsentiert ein Zeitintervall (z. B. 10, 20 oder 30 Minuten), und jede Zeile steht für einen Produkttyp. Die Kanban-Karten werden so in die Box einsortiert, dass über den Tag verteilt ein gleichmäßiger Produktionsmix entsteht.
Die größte Herausforderung beim Glätten liegt in der Veränderung der Denkweise. Viele Unternehmen sind es gewohnt, auf Kundenaufträge direkt zu reagieren und diese in der Reihenfolge des Eingangs abzuarbeiten. Die Idee, Aufträge bewusst umzusortieren und in einen geglätteten Plan umzuwandeln, widerspricht dem intuitiven Verständnis von Kundenorientierung. Es erfordert die Erkenntnis, dass eine geglättete Produktion letztlich zu kürzeren und zuverlässigeren Lieferzeiten führt als eine ungefilterte Weitergabe schwankender Kundenbestellungen.
Eine weitere Voraussetzung für erfolgreiches Glätten sind kurze Rüstzeiten. Wenn die Umstellung zwischen Produktvarianten lange dauert, ist eine häufige Produktwechsel wirtschaftlich nicht darstellbar, und es müssen größere Lose gefertigt werden, was der Glättung entgegenwirkt. Daher geht die Einführung von Glätten oft mit einem systematischen Rüstzeitoptimierung-Programm einher, das die Umstellzeiten auf ein Minimum reduziert.
Kerngedanke: Glätten bedeutet nicht, die Kundenwünsche zu ignorieren, sondern sie intelligent in einen gleichmäßigen Produktionsrhythmus zu übersetzen. Eine geglättete Produktion liefert zuverlässiger, schneller und kostengünstiger als eine Produktion, die jeder Auftragsschwankung ungefiltert folgt.
May, C.; Schimek, P. (2015): Total Productive Management. 3. korr. Aufl., CETPM Publishing, Herrieden. insb. S. 36.
Klevers, T. (2015): Agile Prozesse mit Wertstrom-Management. CETPM Publishing, Herrieden. insb. S. 94–96.
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