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Operational Excellence

Effizienzsteigerung im gesamten Unternehmen durch Null-Verluste, Null-Stillstände, Null-Fehler und Null-Unfälle unter Einbeziehung aller Mitarbeiter in selbstorganisierten Teams. Ein System, das betriebliche Verbesserungsansätze wie Lean, TPM, Six Sigma, Kaizen und KVP vereint.

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Was ist "Gemba Walk"?

Eine Definition aus dem CETPM-Lexikon

Gemba Walk bezeichnet den strukturierten, regelmäßigen Rundgang von Führungskräften an den Ort der Wertschöpfung, den Gemba. Im Japanischen steht „Gemba“ für den realen Ort des Geschehens, also die Fabrikhalle, den Büroarbeitsplatz oder den Servicebereich, an dem Wert für den Kunden entsteht. Der Gemba Walk ist weit mehr als ein informeller Besuch: Er ist ein systematisches Führungsinstrument, mit dem Abweichungen erkannt, Prozesse verstanden und die Zusammenarbeit zwischen Management und Mitarbeitern gestärkt wird. Die Grundidee basiert auf der Erkenntnis, dass Probleme nur dort wirklich verstanden werden können, wo sie entstehen, nicht in Besprechungsräumen oder anhand von Reports, sondern durch eigenes Beobachten, Fragen und Zuhören vor Ort.

Ursprung und Einordnung

Der Gemba Walk hat seine Wurzeln im Toyota-Produktionssystem und der japanischen Lean-Philosophie. Die Umsetzung von Genba Kanri, auch Shopfloormanagement genannt, bildet zusammen mit der Verpflichtung des Managements und dem Aufbau eines Zielentwicklungsprozesses (Hoshin Kanri) das Fundament für ein wirksames Verbesserungssystem (vgl. May/Schimek 2015, S. 17). Genba bedeutet dabei so viel wie „reale Fabrik“ oder „realer Arbeitsplatz“, und der systematische Gang dorthin ist bei Toyota seit Jahrzehnten gelebte Praxis. Taiichi Ohno, einer der Architekten des Toyota-Produktionssystems, forderte von seinen Führungskräften, die Produktion regelmäßig mit eigenen Augen zu beobachten, anstatt sich auf Berichte zu verlassen.

Am Gemba von Toyota sagt man häufig, dass man lieber einen Vorgang bewusst stoppen solle, als zu versuchen zu verhindern, dass er stehen bleibt. Dieser Grundsatz verdeutlicht die Philosophie hinter dem Gemba Walk: Probleme nicht vertuschen, sondern sichtbar machen und an der Wurzel packen. Die Führungskraft, die regelmäßig am Gemba präsent ist, signalisiert den Mitarbeitern, dass Probleme als Chancen zur Verbesserung betrachtet werden, nicht als Anlass für Schuldzuweisungen.

Die praktische Anwendung dieses Prinzips lautet: Gehe zu Gemba, suche nach Muda, mache Kaizen! Dies bedeutet: Gehe an den Ort des Geschehens, suche nach dem Fehler oder der Verschwendung und mache sofort eine Verbesserung (vgl. May/Schimek 2015, S. 14).

Zielsetzung des Gemba Walk

Der Gemba Walk verfolgt mehrere zentrale Ziele, die sich gegenseitig verstärken. Im Kern geht es darum, den realen Zustand der Prozesse zu erfassen und eine Kultur der kontinuierlichen Verbesserung zu fördern. Für Menschen, die bei Toyota arbeiten, sind Fehler bzw. Probleme immer ein Anlass, der zu Verbesserungen führt, sie werden als Schatzgrube angesehen (vgl. OJT Solutions 2023, S. 166–16).

  • Prozessverständnis vertiefen: Durch die direkte Beobachtung von Arbeitsabläufen erkennen Führungskräfte Zusammenhänge, die aus Kennzahlen allein nicht ersichtlich werden.
  • Abweichungen erkennen: Der Arbeitsplatz sollte so übersichtlich sein, dass Abweichungen sofort auffallen. Beim Gemba Walk prüft die Führungskraft, ob Standards eingehalten werden und wo Handlungsbedarf besteht (vgl. Teeuwen/Schaller 2017, S. 13–14).
  • Vertrauen aufbauen: Die regelmäßige Präsenz am Arbeitsplatz zeigt den Mitarbeitern, dass die Führungskraft sich für ihre Arbeitsbedingungen interessiert und bereit ist, Unterstützung zu geben.
  • Verbesserungspotenziale identifizieren: Verschwendung, Engpässe und Sicherheitsrisiken werden durch systematisches Beobachten sichtbar und können gezielt angegangen werden.
  • Mitarbeiter einbinden: Der Dialog vor Ort ermöglicht es, die Perspektive der Mitarbeiter in Verbesserungsmaßnahmen einzubeziehen und deren Lösungsideen aufzugreifen.

Vorbereitung und Durchführung

Ein wirksamer Gemba Walk erfordert sorgfältige Vorbereitung. Die Führungskraft sollte vor dem Rundgang ein konkretes Beobachtungsthema festlegen: Soll der Fokus auf Sicherheit, Qualität, Durchlaufzeiten oder Standardeinhaltung liegen? Es empfiehlt sich, den Ist-Zustand vorher anhand verfügbarer Kennzahlen zu studieren und gezielt nach Bereichen zu suchen, in denen Abweichungen aufgetreten sind. Auditlisten oder Checklisten sind ein praktisches Hilfsmittel, um den Arbeitsplatz systematisch zu beurteilen und den Fortschritt dauerhaft zu messen.

Während des Gemba Walk geht es nicht darum, Anweisungen zu erteilen oder sofort Lösungen vorzugeben. Stattdessen sollte die Führungskraft beobachten, zuhören und offene Fragen stellen. Bei Toyota wird Wert darauf gelegt, dass eine Führungskraft nicht vorschnell urteilt: Nicht immer ist das, was einer Führungskraft einfach vorkommt, auch für den Mitarbeiter einfach. Wenn man Aufträge vergibt, ohne darauf zu achten, wie sie aus der Perspektive der Mitarbeiter aussehen, verursacht man einen Misserfolg (vgl. OJT Solutions 2023, S. 154–155). Die Führungskraft nimmt die Rolle des aufmerksamen Beobachters und des Coaches ein.

Leitfragen für den Gemba Walk: Welcher Standard gilt hier? Was ist die aktuelle Abweichung? Was ist die Ursache? Welche Gegenmaßnahme wird ergriffen? Wer ist verantwortlich, und bis wann? Diese Fragetechnik vermeidet vorschnelle Lösungen und fördert eigenständiges Denken beim Mitarbeiter.

Gemba Walk im Praxiskontext

Praxisberichte zeigen, welche Wirkung das eigene Erleben vor Ort entfalten kann. In einem dokumentierten Fall wählte ein TPM-Manager vier Mitarbeiter aus, um mit ihnen in ein Vorzeigewerk zu fahren. Dort sahen sie mit eigenen Augen, wie Mitarbeiter mit Ruhe und Souveränität ihre täglichen Aufgaben verrichteten und Speed-Rüsten in Perfektion praktizierten. Auf der Rückfahrt herrschte Nachdenklichkeit, das direkte Erleben am Gemba hatte eine tiefere Wirkung als jede Präsentation.

Ein Shopfloor-Knigge, also eine Art Verhaltenskodex für den Besuch in der Fertigung, kann helfen, die richtige Haltung beim Gemba Walk einzunehmen. Respekt gegenüber den Mitarbeitern, aufrichtiges Interesse an den Abläufen und die Bereitschaft, zuzuhören statt zu belehren, sind zentrale Elemente (vgl. Roser 2015, S. 6–10). Auch für externe Besucher oder neue Führungskräfte bietet ein Gemba Walk wertvolle Einblicke, die durch keine Präsentation ersetzt werden können.

Die Rolle von 5S und visueller Ordnung

Eine wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Gemba Walk ist ein organisierter Arbeitsplatz. Wenn die Umgebung unordentlich oder gar chaotisch ist, werden auch die Prozesse so sein. Die Durchlaufzeit-Methode, Sortieren, Systematisieren, Säubern, Standardisieren und Selbstdisziplin, schafft die Grundlage dafür, dass während des Gemba Walk Abweichungen tatsächlich sichtbar werden. Gegenstände oder Informationen sollten in maximal 30 Sekunden gefunden und wieder am richtigen Ort verstaut werden können (vgl. Teeuwen/Schaller 2017, S. 14).

Visuelle Ordnung spielt eine zentrale Rolle beim Gemba Walk. Material sollte auf logische Weise gelagert werden, mit Farben, Displays und klaren Kennzeichnungen, damit auch fachfremde Besucher den Zustand eines Bereichs sofort einschätzen können. Ein gut organisierter Arbeitsplatz ermöglicht der Führungskraft, sich beim Gemba Walk auf die wesentlichen Beobachtungen zu konzentrieren, statt sich in der Unordnung zu verlieren.

Vom Beobachten zum Handeln

Ein Gemba Walk ist nur dann wirksam, wenn aus den Beobachtungen auch konsequent Maßnahmen abgeleitet werden. Bei Toyota wird ein entscheidendes Prinzip hochgehalten: Alles, was sich ohne großen Zeitaufwand erledigen lässt, wird sofort verbessert. Der Mitarbeiter spürt sofort, wenn der Vorgesetzte es mit den Belangen der Mitarbeiter ernst meint. Selbst in Fällen, die sich nicht sofort verbessern lassen, darf man es nicht schleifen lassen, sondern muss sofort eine Reaktion zeigen, weil es sonst das Vertrauen untergräbt (vgl. OJT Solutions 2017, S. 139–140).

Die professionelle Kultur, Probleme als Erfahrungsschätze zu betrachten, ist bei Toyota quer durch alle Ebenen verinnerlicht. In jeder Situation, in der eine unvorhergesehene Schwierigkeit auftaucht, wird auf der Stelle eine Verbesserungsmaßnahme initiiert. Der Gemba Walk ist somit nicht nur ein Diagnoseinstrument, sondern der Startpunkt für den PDCA-Zyklus: Beobachten (Plan), Maßnahmen umsetzen (Do), Wirksamkeit prüfen (Check) und Standards anpassen (Act).

Gemba Walk und die Verbesserungskultur

Die Verbesserung am Arbeitsplatz beginnt bei Toyota stets beim Menschen und nicht bei der Technik. Man muss die Menschen so schulen, dass sie die Arbeiten erledigen können und ihnen die Möglichkeit zum selbstständigen Nachdenken geben. Wenn es darum geht, ein System zu verbessern, versucht Toyota zunächst die Mitarbeiter zu entwickeln, dann die Standards und das Layout zu verbessern, bevor die Ausrüstung verändert wird. Dieser Ansatz prägt auch den Gemba Walk: Die Führungskraft achtet primär auf die Fähigkeiten und das Arbeitsverhalten der Mitarbeiter, auf die Einhaltung von Standards und auf die Arbeitsplatzgestaltung, technische Lösungen kommen erst danach.

Der Gemba Walk ist eng mit dem Kaizen-Gedanken verbunden. Kaizen, die kontinuierliche Verbesserung in kleinen Schritten, lebt davon, dass Verbesserungspotenziale direkt an der Quelle erkannt werden. Unter dem Begriff Kaizen weltweit bekannt geworden, gilt Verbesserung als das Prinzip, welches das Toyota-Produktionssystem repräsentiert. Der Gemba Walk ist das Vehikel, um dieses Prinzip in den Führungsalltag zu integrieren (vgl. OJT Solutions 2023, S. 24–26).

Shopfloor Management als Rahmen

Der Gemba Walk ist ein zentrales Element des Shopfloor Managements, das die Führung vor Ort systematisiert. Shopfloor Management umfasst neben dem regelmäßigen Rundgang auch Kommunikationsroutinen wie die tägliche Besprechung am Shopfloor Board, die Visualisierung von Kennzahlen und die strukturierte Eskalation von Problemen. Es schafft den organisatorischen Rahmen, in dem der Gemba Walk seine volle Wirkung entfaltet.

Führungskräfte, die regelmäßig Gemba Walks durchführen, entwickeln ein tiefes Verständnis für die Realität ihrer Prozesse. Sie treffen fundierte Entscheidungen, weil sie auf eigener Anschauung beruhen, nicht auf gefilterten Berichten. Zugleich stärken sie die Verbindung zu ihren Teams und schaffen eine Atmosphäre, in der Verbesserung als gemeinsame Aufgabe verstanden wird.

Häufige Fehler beim Gemba Walk

Trotz seiner scheinbaren Einfachheit birgt der Gemba Walk einige Fallstricke, die seine Wirksamkeit erheblich beeinträchtigen können:

  • Kontrollgang statt Lernrundgang: Wenn der Gemba Walk als Kontrollmaßnahme wahrgenommen wird, verschließen sich Mitarbeiter und verbergen Probleme, statt sie offen zu benennen.
  • Keine Vorbereitung: Ohne konkretes Beobachtungsthema wird der Rundgang oberflächlich und liefert keine verwertbaren Erkenntnisse.
  • Keine Nachverfolgung: Werden erkannte Probleme nicht konsequent bearbeitet, verlieren Mitarbeiter das Vertrauen in den Prozess und hören auf, Misstände zu melden.
  • Sofortige Lösungsvorgabe: Die Führungskraft, die beim Gemba Walk sofort Anweisungen erteilt, untergräbt die Eigenverantwortung der Mitarbeiter und verhindert nachhaltiges Lernen.
  • Unregelmäßigkeit: Ein Gemba Walk, der nur sporadisch stattfindet, entfaltet nicht die gewünschte Wirkung. Erst durch die konsequente Regelmäßigkeit entsteht eine Verbesserungskultur.

Quellenangaben

May, C.; Schimek, P. (2015): Total Productive Management. 3. korr. Aufl., CETPM Publishing, Herrieden, S. 14–17.

Teeuwen, B.; Schaller, C. (2017): 5S, Die Erfolgsmethode zur Arbeitsplatzorganisation. 4. unveränd. Aufl., CETPM Publishing, Herrieden, S. 13–14.

OJT Solutions Inc. (2023): Toyotas Fehlerlehre, Von der Kunst, Fehler in Erfolge zu verwandeln. Übers. v. M. Furukawa-Caspary, Deutscher Management Verlag, Herrieden, S. 20–26, 154–155, 166.

OJT Solutions Inc. (2017): Toyotas Geheimrezepte für die Mitarbeiterentwicklung. Übers. v. M. Furukawa-Caspary, CETPM Publishing, Herrieden, S. 139–140.

Roser, C. (2015): Ein kleiner Shopfloor-Knigge, in: YOKOTEN 03/2015, S. 6–10.

Weiterführende Literatur

Teeuwen, B.; Grombach, A. (2019): SMED, Die Erfolgsmethode für schnelles Rüsten und Umstellen. 3. unveränd. Aufl., Deutscher Management Verlag, Herrieden.

OJT Solutions Inc. (2019): Toyotas Geheimrezepte für die Problemlösung. Übers. v. M. Furukawa-Caspary, Deutscher Management Verlag, Herrieden.

Imai, M. (2012): Gemba Kaizen, A Commonsense Approach to a Continuous Improvement Strategy. 2. Aufl., McGraw-Hill, New York.

Liker, J. K. (2021): The Toyota Way, 14 Management Principles from the World’s Greatest Manufacturer. 2. Aufl., McGraw-Hill, New York.

Leikep, S. (2017): „Respect for People“ bedeutet, Menschen zu entwickeln, in: YOKOTEN 04/2017, S. 20–21.

Verwandte Konzepte

Genba · Kaizen · TPM (im Sinne von Total Productive Maintenance) · Operational Excellence · Durchlaufzeit · Lean Production · PDCA · 5S · KANBAN · Pull-Prinzip

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