Wissenschaftliches Denken bezeichnet im Lean-Kontext eine Denkweise, bei der Annahmen bewusst als vorläufig betrachtet, durch Experimente überprüft und aus Abweichungen zwischen Erwartung und Realität systematisch gelernt wird. Laut Jeffrey Liker ist wissenschaftliches Denken der Motor für kontinuierliche Verbesserung, weil es erlaubt, sich an Unerwartetes anzupassen und in Richtung anspruchsvoller Ziele zu lernen (vgl. Leikep 2022, S. 9). Damit geht wissenschaftliches Denken über den reinen Einsatz von Lean-Werkzeugen hinaus und bildet die Grundlage dafür, dass KATA, PDCA und andere Methoden ihre volle Wirkung entfalten können.
Mike Rother erforschte zwischen 2004 und 2009 die Führungskräfteausbildung bei Toyota und die Ursprünge von Lean. Seine vielleicht spannendste Entdeckung war: Toyota entwickelt gezielt eine praktische wissenschaftliche Denkweise auf allen Ebenen der Organisation, bei allen Mitarbeitern, an allen Standorten weltweit (vgl. Schwarz 2023, S. 7). Diese Erkenntnis führte zur Entwicklung der Toyota KATA, mit der eine wissenschaftliche Vorgehens- und Denkweise geübt werden kann.
In der zweiten Auflage seines Werks „Der Toyota Weg" stellte Jeffrey Liker wissenschaftliches Denken in den Mittelpunkt seines 4P-Modells. Er begründet dies damit, dass Anpassungsfähigkeit wahrscheinlich eine der wichtigsten Fähigkeiten im 21. Jahrhundert sei und wissenschaftliches Denken den Weg dorthin ebne (vgl. Leikep 2023, S. 4). Diese Einschätzung teilen mittlerweile zahlreiche Lean-Experten, die wissenschaftliches Denken als fundamentaler betrachten als einzelne TPS-Werkzeuge wie Wertstromanalyse, A3 oder 5S.
Wissenschaftliches Denken bedeutet, anzuerkennen, dass das eigene Verständnis immer unvollständig und möglicherweise falsch ist. Es ist die Neugierde auf eine Welt, die wir nie ganz verstehen werden, in der wir aber den nächsten Schritt tun, um sie ein wenig besser zu verstehen (vgl. Schwarz 2023, S. 8). Konkret umfasst es folgende Aspekte:
Kernfrage: Nicht „Hat es funktioniert?", sondern „Was haben wir gelernt?", Das ist der entscheidende Perspektivwechsel, den wissenschaftliches Denken von herkömmlichem Problemlösen unterscheidet (vgl. Leikep 2022, S. 10).
Die Toyota KATA bietet einen konkreten Weg, wissenschaftliches Denken in Organisationen zu entwickeln. Die Verbesserungs-KATA ermöglicht es, eine wissenschaftliche Vorgehensweise bei der Arbeit an anspruchsvollen Zielen zu üben. Die Coaching-KATA hilft Führungskräften, ihre Mitarbeiter bei diesem Prozess zu begleiten und dabei eine wissenschaftliche Denkweise im Team zu verankern (vgl. Leikep 2023, S. 5). Wissenschaftliches Denken ist dabei die Metafähigkeit, die auf alle Herausforderungen und Ziele angewendet werden kann, der fruchtbare Boden, den jede lernende Organisation braucht (vgl. Schwarz 2023, S. 8).
Das Buch „KATA-Managementkultur" von Gerd Aulinger und Mike Rother zeigt, wie Unternehmen die individuelle Anwendung von Verbesserungs-KATA und Coaching-KATA als durchgängiges Managementsystem auf die gesamte Organisation ausweiten können. Dabei geht es darum, wissenschaftliches Denken in Teams zu entwickeln und mittels hierarchieübergreifender Coaching-Kaskaden in die Unternehmenskultur zu integrieren (vgl. Bilder 2017, S. 19).
Jeffrey Liker fordert bei der Anwendung der Lean-Philosophie den Wechsel von einer mechanistischen Sichtweise hin zu einer organischen. Die mechanistische Vorgehensweise besteht darin, Anweisungen zu geben und auf die Ergebnisse zu warten (vgl. Leikep 2022, S. 11). Die organische Sichtweise dagegen ermöglicht, dass Pläne gemeinsam auf allen Hierarchieebenen verfolgt werden, sodass die Ausrichtung an den Zielen horizontal und vertikal erfolgen kann. Gemeinsames Experimentieren und Lernen mit der Verbesserungs-KATA und die Verknüpfung mit Hoshin Kanri fördert das Entstehen von Wissen und mit der Zeit bildet sich eine lernende Organisation.
John Shook brachte diesen Perspektivwechsel auf den Punkt: Es sei einfacher, durch Handeln zu einer neuen Art des Denkens zu gelangen, als durch Denken zu einer neuen Art des Handelns (vgl. Leikep 2022, S. 10). Die Lean-Implementierung sollte deshalb mit wissenschaftlicher Denkweise als einer wichtigen Metafähigkeit und einigen kontextgerechten Lean-Grundlagen beginnen und darauf aufbauen, je nachdem, was bei der Umsetzung gelernt wird (vgl. Schwarz 2023, S. 9).
Für Unternehmen bedeutet wissenschaftliches Denken einen grundlegenden Wandel in der Art, wie Verbesserung betrieben wird. Anstatt Lean als eine Liste umzusetzender Maßnahmen zu betrachten, sollte der Weg dorthin als etwas verstanden werden, das durch Experimentieren, Nachdenken und Lernen entdeckt werden muss (vgl. Schwarz 2023, S. 7). Die Menschen, die im System arbeiten, sind die einzigen, die in der Lage sind, ein besseres System aufzubauen, Schritt für Schritt, jeden Tag. Eine zentrale Aufgabe von Führungskräften ist es dabei, ihren Teams eine inspirierende Richtung zu geben und sie zu befähigen, einen Weg zu finden, wo noch keiner ist.
Leikep, S. (2022): Führen, aber anders! Das 21. Jahrhundert braucht alternative Führung, in: YOKOTEN 06/2022, S. 8–12.
Leikep, S. (2023): Lean-Leadership im 21. Jahrhundert, eine Vision. Interview mit Dr. Jeffrey K. Liker, in: YOKOTEN 01/2023, S. 3–3.
Schwarz, T. (2023): Lean zum Leben erwecken, Coaching nach der Toyota-Kata-Methode, in: YOKOTEN 05/2023, S. 6–10.
Bilder, P. (2017): YOKOTEN (2017): Neues KATA-Buch, in: YOKOTEN 04/2017, S. 19.
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