Industrie als Störfaktor?

Die Gefahr einer De-Industrialisierung ist vor diesem Hintergrund real. Dazu kommt, dass die öffentliche Meinung in Deutschland dazu neigt, industrie-kritisch bis industrie-feindlich zu sein. Neue Industriebetriebe und Infrastruktur lassen sich kaum noch realisieren. Dieser Trend könnte immer mehr Unternehmen zur Verlagerung in andere Länder bewegen. Meines Erachtens sollten der Wert und die Relevanz der Industrie in Bildungseinrichtungen mehr thematisiert werden. Ein Bewusstseinswandel in dieser Richtung könnte langfristig dazu beitragen, das industrielle Rückgrat Deutschlands zu stärken und zu revitalisieren. Insgesamt zeichnet sich das Bild einer Nation, die sich in vielen Belangen selbst im Weg steht. Ein einfaches „Upgrade“ des bestehenden Systems, so scheint es, wird nicht ausreichen. Vielmehr benötigt Deutschland ein völlig neues „Betriebssystem“. Eines, das bewährte Ansätze wie Lean Management in allen Unternehmen und Organisationen fördert und gleichzeitig Freiraum für Innovation und fortschrittliches Denken bietet. Um die Kurve zu kriegen, muss eine umfassende Strategie entwickelt werden – eine, die sowohl die Industrie als auch die Politik einbezieht. Diese Allianz sollte darauf abzielen, Energiekosten zu senken, bürokratische Hürden abzubauen, in Bildung und Forschung zu investieren und ein Umfeld zu schaffen, in dem Unternehmen und Innovationen gedeihen können. Ich lade Sie herzlich ein, Teil dieser Diskussion zu werden. Was denken Sie? Welche Schritte müssen unternommen werden, um Deutschlands Produktivität wieder auf Kurs zu bringen? Teilen Sie gerne Ihre Gedanken und Vorschläge mit mir!I

Ein scheinbares Paradoxon charakterisiert die jüngsten zehn Jahre für die deutsche Wirtschaft. Auf der einen Seite die Versprechen von „Industrie 4.0“ mit gewaltigen prognostizierten Produktivitätsschüben zwischen 20 und 50 Prozent. Auf der anderen Seite die Realität: Ein stagnierendes Produktivitätswachstum.

Nur zur Erinnerung: Produktivitätswachstum ist essenziell für den Wohlstand einer hoch entwickelten Volkswirtschaft. Die mangelnde Produktivitätsentwicklung wird daher unweigerlich längerfristig negative Auswirkungen auf den Lebensstandard in Deutschland haben. Die Diskrepanz zwischen Versprechen und Realität wirft natürlich die Frage auf: Ist oder war die vielgepriesene „Vierte industrielle Revolution“ in Wirklichkeit nur Schall und Rauch, wie im Buch „Illusion 4.0“ von meinem Kollegen Syska beschrieben? Während in den zurückliegenden Jahren in Digitalisierung und IT-Technologie investiert wurde, erfuhren bekannte Ansätze

Hat Industrie 4.0 versagt?

zur Produktivitätssteigerung wie Lean Management und TPM erstaunlicherweise eher weniger Aufmerksamkeit. Die Studie „Wertschöpfungspotentiale 4.0“, die vom Institut für Produktionserhaltung e. V. (Infpro) durchgeführt wurde, hat genau dieses Phänomen beleuchtet. Sie zeigte, dass die Implementierung von Lean Management eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung von Industrie 4.0 ist. Digitalisierung allein garantiert keine Produktivitätssteigerung. Schlechte Prozesse bleiben auch in digitaler Form ineffizient. Darüber hinaus betonte die Studie die nachweislich positiven Auswirkungen von Lean Management auf die Produktivität.

Wo liegen die Ursachen?

Doch ist Industrie 4.0 die einzige Ursache für die aufgezeigte, bedenkliche Entwicklung? Natürlich habe ich ein wenig polarisiert und die Ursachen sind deutlich komplexer. Andere Faktoren spielen eine ebenso kritische Rolle. Beispielsweise stehlen eine immer stärker wachsende Bürokratie und Regulierungsdichte in allen Bereichen unseres Lebens und in der Arbeitswelt Zeit und Ressourcen, die anderweitig produktiver eingesetzt werden könnten. Hinzu kommt