Wie innovativ ist KI? Historische Ansätze

Wie konnte so ein Hype entstehen um eine App, die eigenständig Texte zu allen möglichen und unmöglichen Themen erstellt? ChatGPT ist in unser Leben getreten wie eine absolut einzigartige Erscheinung. Aber bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass diese Erscheinung eine Vorgeschichte samt Vorfahren hat. Es gab zum Beispiel schon im späten Mittelalter eine Maschine, die durch mechanische Kombinationen von Satzeinheiten oder Begriffen sinnvolle Aussagen zusammenstellen konnte. Die „ars magna“ des mallorquinischen Philosophen, Logikers und Theologen Raimundus Llull (1232-1316) war eine solche, sogenannte logische Maschine. Seine Idee war, metaphysische und theologische Begriffe wie Gott oder Engel so miteinander zu kombinieren, dass glaubensrechtlich korrekte Sätze dabei herauskamen. Er wollte das sogar für Missionszwecke verwenden. Zwar ist nicht bekannt, ob dadurch wirklich einmal jemand zum Glauben gekommen ist – aber wenigstens wurde Llull so zum Urahn aller Informatiker. Leibniz hat sich mit seinem „calculus ratiocinator“ auf Llull berufen. Sein Apparat hatte eine Art von Algorithmus, die bei einem Streit von Philosophen durch einen Rechenbefehl an die Maschine klären sollte, wer Recht hat und wer nicht. Die erste wirklich funktionierende logische Maschine wurde im 19. Jahrhundert durch den Engländer William Stanley Jevons entwickelt. Sein „logical piano“ (logisches Klavier) sah mit seinen vielen Tasten tatsächlich einem Klavier ähnlich.

Auch in der Kunst war schon lange vor ChatGPT technische Unterstützung verfügbar. Im Barock gab es vorgefertigte und neu kombinierbare Eröffnungspassagen von Gedichten, und 1977 hat der Dichter Hans Magnus Enzensberger einen logischen Poesieautomat entwickelt. Sein „Landsberger Poesieautomat“ konnte sogar reimen. Und sein Entwickler soll gesagt haben: Wer nicht besser dichten könne als dieser Automat, der solle es besser sein lassen. Alle diese logischen Maschinen haben immer eine bestimmte Voreinstellung, so dass nur bestimmte Begriffe miteinander kombinierbar sind. Ist zum Beispiel grundsätzlich einprogrammiert „Alle Schweine sind rosa“, dann folgt aus „nicht rosa“, dass es sich bei dem Satzgegenstand um kein Schwein handeln kann. Das sind basale logische Verknüpfungen, oder semantische wie beispielsweise bei „Gott“ und „allmächtig“. Dem gegenüber beruht der Satzbau von ChatGPT auf Wahrscheinlichkeitsrechnungen und darauf, welche Wörter im Internet wahrscheinlich aufeinander folgen. Er ist also wie ein stilistisch etwas heruntergekommener, aber sehr mächtiger Nachfahre der frühen logischen Maschinen. ChatGPT orientiert sich nicht daran, was als wahr gilt, sondern daran, was die meisten für wahr halten. Es ist also nicht mehr zwangsläufig eine logische Maschine, sondern eine doxische (vom lateinischen Wort „doxa“ für Meinung). Zwischen orthodox und dox ist es nicht weit. Da ChatGPT mit dem Duktus des Internets arbeitet, entfleuchten den unmittelbaren Vorgängern dieses Programms ab und an rassistische und sexistische Aussagen. Darum wird an den ethischen Grundfesten

von ChatGPT gearbeitet. Fragt man zum Beispiel die App nach einer Anleitung zum Bau einer Atombombe, wird das System mittlerweile die Aussage verweigern. Aber sobald diese Frage in die Bitte um einen Roman oder ein Theaterstück eingebettet wird, worin der Bau einer Atombombe vorkommt, dann werden die entsprechenden Informationen geliefert. Das System denkt eben nicht mit. Wie sollte es das auch können. Und da ist er dann wieder: der berühmte Einwand von Ada Lovelace (1815- 1852), Nachfahrin des englischen Romantikers Lord Byron und erste Erstellerin von Computerprogrammen, die diesen Namen auch verdienen. Sie wies darauf hin, dass eine Maschine immer nur tun kann, was ein Mensch ihr befiehlt. Sie kann (bisher) auch nur kommunizieren, was ihr vorher einprogrammiert wurde. Aber mittlerweile verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was von Menschen als eindeutig „menschlich“ wahrgenommen wird und dem, was per ChatGPT nur so wirkt, als ob. Darum ist es nun dringend an der Zeit, dieses „Menschliche“ nicht nur philosophisch, sondern auch programmiersicher zu definieren. Mehr dazu erfahren Sie in der nächsten Ausgabe von Yokoten.

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