Die Magie des Flows

So wachsen Teams über sich hinaus

Seit seiner Entdeckung vor fast 50 Jahren wurde der Begriff des Flow lange inflationär verwendet, ist aber wieder hochaktuell. Als hochproduktiver Modus von Gehirn und Körper lässt er selbst große Leistungen durch Fokussierung leicht erscheinen. In einer Gruppe, einer Sportmannschaft oder einem Arbeitsteam sorgt Flow durch soziale Ansteckung für hervorragende Ergebnisse.

Hatten Sie schon einmal im Team dieses besondere Erlebnis, dass alles wie von Zauberhand funktioniert hat? „Nachdem wir uns erst mal eingegroovt hatten, waren wir den Rest der Zeit so richtig

gefähre Vorstellung haben, aber keine exakte Definition geben können? Und wie wirkt sich dieser einzigartige Flow-Zustand speziell im Team und in Unternehmen aus?

Das ist der Flow

Flow ist die Bezeichnung eines als beglückend anmutenden psychischen Zustands,

Was bringt Flow in Unternehmen?

Die direkt leistungssteigernden Effekte des Flow treten nicht nur situativ auf, sondern besitzen auch eine nachhaltige positive Wirkung. Situativ steigert er die aktuelle Leistung und führt zu konzentrierter Projektarbeit, zu erhöhter Kreativität und unter anderem einer besseren Service- und Kundenorientierung. Darüber hinaus führt der Flow zu anhaltender Motivation und besitzt Verstärkerqualität. Weil Menschen diesen Zustand immer wieder anstreben und sich entsprechenden Tätigkeiten vermehrt zuwenden, verbessern sich ihre Fähigkeiten durch Trainingseffekte spürbar. Um die für den Flow nötige Balance

Ein Forscherteam aus Pasadena in Kalifornien wollte es genauer wissen. Die Probanden spielten paarweise ein Computerspiel, bei dem sie einmal gemeinsam im Raum interagierten und ein anderes Mal in getrennten Räumen saßen. Außerdem wurde von Fall zu Fall Musik eingespielt, die ihren Fokus stören sollte. Die Testergebnisse zeigen schließlich, dass die Spieler von der Kombination aus Flow und Teamgefühl am stärksten angesprochen waren. Ihr Team-Flow zeigte sich sowohl der bewussten sozialen Interaktion als auch dem individuellen Flow überlegen. Ihre Hirnstrom-Messungen offenbarten, dass der gemeinschaftliche Flow ein eige-

Flow führt zu anhaltender Motivation und besitzt Verstärkerqualität. Weil Menschen diesen Zustand immer wieder anstreben, verbessern sich ihre Fähigkeiten spürbar.

in dem Menschen mit hoher Fokussierung vollkommen in einer Tätigkeit aufgehen. Die Zeit und die Welt um sie herum sind ausgeblendet und sie spüren eine ideale Balance zwischen Anforderung und Fähigkeiten, die sie wie auf Autopilot beeindruckende Leistungen erbringen lässt. Jeder Handgriff geht intuitiv und fließend in den nächsten über und eine innere Logik scheint jede separate Reflexion überflüssig zu machen. Flow können Menschen in vielen Situationen erfahren. Ob sie im Garten werkeln, die Natur beim Wandern genießen, ob sie Bilder malen, musizieren, Sport treiben oder in eine andere Tätigkeit gänzlich versunken sind: Als Modus für Leistung und Leistungsfreude scheint der Flow allgegenwärtig zu sein und verspricht auch im Arbeitsleben beste Ergebnisse bei einem als minimal empfundenen Anstrengungsniveau.

von Herausforderung und Können bei einer Aufgabe wiederherzustellen, muss dann auch die Aufgabenschwierigkeit sukzessiv angepasst werden. So kann eine Exzellenz-Spirale entstehen. Außerdem haben Studien gezeigt, dass Menschen durch Flow resilienter werden, was sich besonders in den vergangenen Lockdowns, während einer Quarantäne und generell im Social Distancing als hilfreich erwiesen hat. Flow verbessert das Wohlbefinden und verringert Ängste, Sorgen, depressive Verstimmungen, Einsamkeitsgefühle und ungesundes Verhalten. Er reduziert den Krankenstand, macht das Arbeitsklima freudvoller und fördert die Mitarbeiteridentifikation. Darüber hinaus steigert er die Lebenszufriedenheit und lässt Menschen in allen Lebenslagen motivierter sein.

Rechts: Die leicht verständliche und anwendbare Flow-Kurzskala (FKS) mit 10 Items kann schnell bearbeitet werden. Das valide und weltweit erprobte Instrument wird auch im Sport genutzt.
Rechts: Die leicht verständliche und anwendbare Flow-Kurzskala (FKS) mit 10 Items kann schnell bearbeitet werden. Das valide und weltweit erprobte Instrument wird auch im Sport genutzt.

So kommt der Flow ins Team

Wenn der Flow derart überzeugend die Leistung des Einzelnen steigert, wäre es doch überaus begrüßenswert, auch die Ergebnisse eines ganzen Teams in der „Flow-Zone“ nach oben zu katapultieren.

nes Muster besaß, das mit dem Muster der anderen Szenarien nicht vergleichbar war. Noch überraschender war, dass sich die Gehirnwellen beim Flow im gemeinsamen Spiel zu synchronisieren schienen. Für die Teamleistung im Unternehmen kommt es zuerst auf die wahrgenommene Sinnhaftigkeit des gemeinsamen Tuns und auf Ziele an, die von allen begrüßt und engagiert verfolgt werden. Hinzu kommen ein außerordentlicher Gemeinschaftsspirit und das Gefühl hoher Selbstwirksamkeit des Teams und seiner Mitglieder. Die Herausforderung, diese Voraussetzungen durch gezielte Führung in flow-fähige Bahnen zu leiten, ist dabei nicht zu unterschätzen. Die Führungskräfte müssen bewusst Flow-Räume schaffen und diese erhalten. Dazu gehört unter anderem:

Flow-förderliche Arbeitsorganisation

Hier einige Punkte, die wichtig sind, um den Flow im Team zu ermöglichen: • Den Team-Mix so zusammenstellen, dass sich die Kompetenzen der Mitglieder bestmöglich ergänzen. Nach den Regeln der T-Kompetenz sollte dabei

Angst

Anforderungen

Flow

Langeweile

Fähigkeiten hoch

jeder den Spezialbereich der anderen grundsätzlich verstehen. • Ob agiles Projekt oder nicht: Häufige Interaktions- und Feedbackschleifen verbessern die interne Synchronisation des Teams • Störungs- und unterbrechungsfreie Phasen unterstützen den Flow. Nach Studien dauert es bis zu fünfzehn Minuten, einen unterbrochenen Flow wieder aufzunehmen, wenn es überhaupt gelingt. • Die Erlaubnis, während der Flow- oder Fokus-Zeit Telefon und Mail persönlich oder im Team auszuschalten. • Aktiv betriebenes Regenerationsmanagement, das produktive Pausen nicht nur ermöglicht, sondern auch forciert. Dafür dürfen die gelebte Kultur und das Führungsverhalten nötige Erholungsphasen nicht durch überzogene Anforderungen sabotieren. Denn wer ausgeruht ist, erlebt mehr Flow. Deshalb sind viele Überstunden, nächtliche Mails, Anrufe in der Freizeit oder im Urlaub kontraproduktiv.

Führungspraktisches

Praktische Tipps für Führungskräfte, um den Flow zu begünstigen:

Name: Etappe: Laufzeit: Bitte bewerte die folgenden Aussagen bezogen auf die heutige Etappe.

Ich habe mich optimal beansprucht gefühlt Meine Gedanken und Aktivitäten liefen flüssig und glatt Ich habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging Ich hatte keine Mühe, mich zu konzentrieren Mein Kopf war völlig klar Ich war ganz vertieft in das, was ich gerade gemacht habe Die richtigen Gedanken/Bewegungen kamen wie von selbst Ich wusste bei jedem Schritt, was ich zu tun hatte Ich hatte das Gefühl, den Ablauf unter Kontrolle zu haben Ich war völlig selbstvergessen

• Es kommt auf psychologische Sicherheit an. Dafür darf Druck von oben nicht ungefiltert nach unten durchgereicht werden. Sorgen, insbesondere in Krisen, gilt es, empathisch und authentisch zu begegnen, weil Stress und Ängste den Flow zerstören. • Intensive Sinnstiftung bringt die persönlichen Bedürfnisse der Teammitglieder mit den Zielen der Organisation in Einklang, damit das Engagement keine willentliche Überwindung erfordert. • Eine offene wertschätzende Fehlerkultur mit situativ unmittelbarem Feedback sieht Fehler als Lernerfahrung, die konstruktiv umgedeutet werden. Konstruktive Reibung und auch für abweichende Meinungen wertgeschätzt zu werden, befördern das Wirgefühl und unterstützen das Entstehen von Flow. • Ein emotionales Set-up, wenn ein Projekt beginnt. Unternehmerische Ziele werden in emotional aufgeladenen Zielvorstellungen formuliert, die Lust auf die Herausforderung machen und Stolz ermöglichen. Die früher rationale Argumentation von Notwendigkeiten wandelt sich zur emotionalen Motivation durch begehrenswerte Zielzustände.

Trifft nicht zu Trifft zu teils, teils

• Erreichte Zwischenziele (die ggf. in agilen Sprints realisiert werden) steigern die Motivation des Teams und sollten entsprechend belohnt und gefeiert werden. • Gewährte Autonomie sorgt dafür, dass das Team im Gefühl vorangeht, eigenständig und gemeinsam etwas Bedeutungsvolles zum Unternehmen beizutragen. Die so erzeugte Selbstwirksamkeit treibt Projektmannschaften oder Abteilungsteams ebenso an wie die einzelnen Mitarbeiter. • Die Motivierung des Teams verlagert sich von der Misserfolgsorientierung hin zum Erfolgsfokus: Das Erreichte oder zu Erreichende wird stärker kommuniziert als das, was dafür überwunden wird.

Der Flow-Korridor

Als gesichert gilt, dass sich Flow in einem schmalen, fast idealen Korridor zwischen Über- und Unterforderung aktiviert (Abb. oben). Deshalb müssen die gestellten Aufgaben mit ihrem Herausforderungsgrad das Können des Teams optimal fordern. Dies ist ein andauernder Anpassungs- und Steuerungsprozess, durch den zu großer

Druck und Versagensangst ebenso verhindert werden, wie Unterforderung bis hin zu Langeweile. Wird der Flow-Korridor verfehlt, verliert sich der Fokus, die Gedanken schweifen ab und ausweichende, oft wenig beitragende Arbeiten werden bevorzugt zuerst erledigt. Dabei zeigen Untersuchungen allerdings, dass nicht jeder Mensch über die gleiche Flow-Fähigkeit verfügt oder in der Lage ist, seine Arbeits- oder Lebenssituation flow-förderlich zu gestalten. Coaching-Ansätze, die sich am Hochleistungsmentaltraining von Spitzensportlern orientieren, können dabei helfen, diese Kompetenzen zu erwerben. Sportler verbessern den Fokus ihrer Aufmerksamkeit, lernen das bewusste Ausblenden von Ablenkungen und arbeiten an der Kontrolle von Emotionen und Gedanken sowie daran, ihren Körper und Geist nach Bedarf aktivieren und entspannen zu können, um so ihre Leistung auf den Punkt verfügbar zu haben und sich in „The Zone“ zu navigieren, dem

Das Buch von Michele Ufer

Dr. Michele Ufer, international gefragter Experte für Sport- und Managementpsychologie und erfolgreicher Ultraläufer hat auf vier Kontinenten zu den Auswirkungen dieses besonderen Bewusstseinszustands auf die Leistung und Zufriedenheit unter extremen Bedingungen geforscht. In seinem Buch beschreibt er, wie Flow auf der Teamebene entzündet und wie er als regelmäßiger Gast der gemeinsamen Arbeit etabliert werden kann. Er skizziert und plädiert für die regelmäßige Messung des Flow-Niveaus im Team, bleibt aber nicht bei den unbestreitbaren Vorzügen dieses Aufgehens in Tätigkeiten stehen. Er schildert ebenso die Sucht- und Risikofaktoren des Flow-Zustands, die beispielweise zum Ausblenden von Gefahren und zur Selbstüberschätzung führen können.

Michele Ufer, Motivationspsychologische Grundlagen des Flow-Erlebens: Merkmale, Entstehung, Auswirkung von Flow im Sport, Beruf und Alltag, 2020 Springer-Verlag

schmalen, aber magischen Flow-Kanal. Weiter kommt es darauf an, dass die Führung und das Team ihren kollektiven Ehrgeiz intensiv auf die von allen geteilten Ziele ausrichten. Entsprechendes Coaching und mehr Vertrauen statt Command and Control fördern das Engagement und vergrößern den Raum für Flow-Erlebnisse. Solange das Team seine Aufgaben, auch über Hürden hinweg, löst und eine eigene soziale Kompetenz und Regulatorik entwickelt, sollte man es weitgehend „machen lassen“. Profisportteams machen dies vor, wenn sie in der intensiven Saisonvorbereitung neben Technik, Taktik und der nötigen Physis auch das Miteinander des Teams stärken und Flow-Skills trainieren. In der Folge wird ein saisonbegleitender permanenter Prozess mit regelmäßigen Feedback-Schleifen daraus. In diesen lässt sich unkompliziert und ad hoc immer wieder überprüfen, wo das Team auch in Sachen Flow steht und ob es sich in die richtige Richtung entwickelt.

Start einer Flow-Offensive: messen, um managen zu können

Wer Flow oder Team-Flow produktiv nutzen und gezielt fördern und entwickeln will, muss einen Weg finden, diesen in einem Score messbar und situationsübergreifend im Zeitverlauf vergleichbar zu machen. Da regelmäßige Hirnstrommessungen aus naheliegenden Gründen wenig praktikabel sind, bieten sich standardisierte Befragungen an. Bewährt hat sich hierfür die leicht verständliche und anwendbare Flow-Kurzskala (FKS) mit 10 Items, die in kaum mehr als einer Minute bearbeitet werden kann (Abb. S. 8). Das valide und weltweit erprobte Instrument wird neben dem Beruf auch im Sport und dort auch innerhalb von Wettkämpfen genutzt. Um den Team-Flow zu bestimmen, sollte sie um hilfreiche Fragen zum Kontext der Erfahrungen erweitert werden. Mit ihrem regelmäßigen Einsatz lassen sich Flow-Muster im Team identifizieren, die zeigen, durch welche Umstände Flow in welchen Maße entsteht. Diese Umstände lassen sich schließlich steuern. Idealerweise sorgen die Führungskräfte nicht nur für bestmögliche Flow-Voraussetzungen, sondern leben selbst vor, was sie sich von anderen wünschen. Zur Erhöhung der eigenen sowie der gruppenbezogenen Flow-Fähigkeiten ist auch hier ein entsprechendes Coaching möglich. Wer in der Führung als „Flow-Leader“ wahrgenommen wird, kann auf das soziale Ansteckungspotenzial des Flow vertrauen und wird erleben, wie die Mitarbeiter im Team zu mehr Leichtigkeit und verblüffenden Resultaten kommen. Dabei kommt es auch darauf an, dass sich alle mitverantwortlich fühlen, dass alle auf einen ausgeruhten Status achten und den Flow ganz bewusst so erstrebenswert finden, dass sie immer wieder dorthin zurückwollen. Hat sich die Flow-Kurzskala erst einmal eingebürgert und wird sie regelmäßig eingesetzt, wäre es denkbar, den teamweise realisierten Flow-Faktor zu einem zusätzlichen Aspekt in den Zielvereinbarungen von Führungskräften zu machen. Denn mehr Flow bedeutet nicht nur höhere Leistung und bessere Ergebnisse, sondern auch psychisch robustere, zufriedenere und loyalere Mitarbeiter.