Mein Eindruck aus dem geschäftlichen Umfeld und im Bekanntenkreis ist, dass noch immer viele im Home Office arbeiten und kaum noch Dienstreisen stattfinden. Der Anteil Zuhause arbeitender Menschen ist in den Unternehmen immer noch hoch. Doch viele Arbeitnehmer können sich damit nicht richtig anfreunden. Oft höre ich, dass die sozialen Kontakte fehlen, der Flurfunk und der spontane Austausch bei einer Tasse Kaffee. Den ganzen Tag in Videokonferenzen zu stecken, wird als extrem ermüdend empfunden. Führungskräfte berichten mir von ihren Schwierigkeiten, Teams mittels Videokonferenzen effektiv zu führen und Mitarbeiter zu entwickeln.

Die Begeisterung für digitale Weiterbildungsformate ist nach meiner Wahrnehmung weitgehend abgeebbt. Das verwundert nicht weiter, denn aus unserer jahrelangen Erfahrung in der Weiterbildung wissen wir, dass ein nachhaltiger Kompetenzaufbau nur durch eine Kombination von Wissen und Emotionen möglich ist. Das menschliche Gehirn ist ein Sozialorgan und Lernen funktioniert nun einmal am besten im sozialen Kontext. Gemeinsam ausprobieren, anfassen

und anwenden sorgt dafür, dass sich neue neuronale Verknüpfungen im Gehirn bilden. Sehr wertvoll dafür ist auch der Erfahrungsaustausch in der Gruppe mit Feedback von Angesicht zu Angesicht. Viele unserer Kunden berichten zwar, dass sie kurze Webinare nun viel häufiger nutzen als vor Corona. Präsenzseminare sind für sie jedoch immer noch erste Wahl, wenn eine mehrtägige Weiterbildung angestrebt wird.

Präsenz an Hochschulen ein Muss

Diese Erkenntnis scheint sich auch an Schulen und Hochschulen durchgesetzt zu haben: „Präsenzlehre ist ein Muss für das Wintersemester“, ließ Bayerns Wissenschaftsminister Sibler beispielsweise kürzlich verkünden: „Präsenz wieder als Regel, nicht mehr als Ausnahme“. Die Studenten hätten lange genug auf den direkten Kontakt vor Ort und den persönlichen Austausch verzichten müssen. Auch sei der unmittelbare Austausch und das Miteinander ein wichtiger und wertvoller Bestandteil eines Studiums. „Wir wollen auch Herz und Charakter bilden“, betonte er. Corona hat allerdings einen Digitalisierungsschub in der Lehre verursacht, so dass Online-Angebote die Präsenz-Lehre ergänzen sollen.

Mein Fazit

Arbeiten und Lernen im "New Normal" ist also gar nicht so "new", wie es uns teilweise vermittelt wird. Die Corona-Pandemie hat definitiv Chancen eröffnet für mehr Home Office und Online-Lernen. In Zukunft wird sich ein Mix aus Präsenz und digitalen Formaten einpendeln. Dabei sollte uns bewusst sein, dass im Home Office geleistete Arbeit ohne großen Aufwand in Billiglohnländer verlagert werden kann. Und wir sollten nicht vergessen, dass ein Wandel im Lernen und Arbeiten bereits vor Corona im Gange war. So wurde z. B. intensiv über "New Work" debattiert. Künftig werden verstärkt Selbstorganisation, Agilität und andere neue Kompetenzen von Lehr- und Führungskräften im Vordergrund stehen. Es ist zu hoffen, dass sich eine experimentelle, wissenschaftliche Denk- und Handlungsweise etablieren kann. Statt Auswendiglernern und Weisungsempfängern sollten wir Selbstdenker ausbilden, die in der Lage sind, sich schnell anzupassen und sicher in unbekanntem Gelände zu navigieren. Welche Meinung haben Sie dazu? Schreiben Sie mir!