Lean und Digitalisierung
Aktuell gilt Digitalisierung als Treiber für tiefgreifende Veränderungen in der Industrie und bei Dienstleistungsunternehmen. Innovative Technologien fördern Transparenz, Vernetzung und Automatisierung von Geschäftsprozessen und bieten für Unternehmen viel Potenzial. Die Frage ist, ob das Zusammenspiel zwischen Lean Management und Digitalisierung gelingen wird.
von Produkten oder Dienstleistungen mit sich. Dennoch positionieren sich viele Unternehmen derzeitig eher in einer Beobachterrolle und sehen sich nicht als Treiber. Vielen Unternehmen fehlt zum einen das Wissen, wie umfassend die Digitalisierung den Unternehmensalltag verändern wird und zum anderen, wie sich Lean-Techniken in die Unternehmenskultur integrieren lassen (vgl. Kieviet, 2016, S. 42). Hinsichtlich ihrer Ziele ähneln sich die Ansätze. Lean Management verfolgt mit der schlanken Produktion die Ziele Zeit, Qualität, Kosten, Sicherheit und Motivation, während die Digitalisierung zusätzlich die Dimension der Individualisierung mit einbringt.
Besonders kleine und mittelständische Unternehmen aus der Industrie haben sich in den letzten Jahren an der schlanken Produktion orientiert. Sie sind nun mit den Technologien der Digitalisierung konfrontiert und stehen vor der Herausforderung, die schlanke Produktion mit den Ansätzen der Digitalisierung zu vereinen. Für sie stellt sich die Frage, welche Chancen, Anforderungen sowie Veränderungen sich aus der Digitalisierung ergeben. Kurz gefasst: Wie steht Digitalisierung mit Lean Management in Symbiose?
Zusammenspiel von Digitalisierung und Lean Management
Digitalisierung fördert Transparenz, Vernetzung und die Automatisierung von Geschäftsprozessen. Somit wird der Komplexität mehr Raum gegeben, die durch
Maschinen und Technologien abwickelbar wird. Lean Management unterstützt die Prozessoptimierung und die Reduktion von Komplexität.
Lean Management und Digitalisierung haben ähnliche Ziele, doch die Ansätze sowie die Philosophie unterscheiden sich. Mithilfe der Digitalisierung könnte das Streben nach einfachen, stabilen und standardisierten Prozessen zugunsten komplexer, sich selbst steuernder Systeme aufgegeben werden.
Damit würde aber eine wichtige Grundlage des Lean Managements wegfallen. Die Stabilisierung und anschließende Standardisierung der Prozesse hat im Lean Management die Grundlage für Verbesserungsprozesse gebildet.
Lean Digitalisierung Ergänzung / Widerspruch Ansatz Ganzheitlich (Mensch + Technik + Organisation)
Philosophie Respekt, Problemlösung, Mitarbeiterentwicklung
Technologie als Treiber Widerspruch
Machbarkeit, (Selbst-) Optimierung
Fundament Stabilität und Standardisierung
Vernetzung, adaptiv Ergänzung
Steuerungsprinzip Flow und Pull Dynamisch, situationsabhängig
Informationsbeschaffung
Bei den Kriterien Fundament, Steuerungsprinzip, Informationsbeschaffung und Verbesserung ergänzen sich die Konzepte. Das Fundament für Lean Management ist die Stabilität und Standardisierung. Individuelle Kundenwünsche verursachen einen hohen Bearbeitungsaufwand in verschiedenen Bereichen des Unternehmens. Neben erhöhtem Zeitaufwand steigt auch die Fehleranfälligkeit. Dadurch können Abweichungen und Probleme schwerer erkannt werden. Die Digitalisierung ermöglicht es, auf kundenindividuelle Wünsche einzugehen, ohne die Fehleranfälligkeit zu erhöhen. Die Digitalisierung profitiert z. B. von durch Lean-Management standardisierten Prozessen und Abläufen und verbessert sie durch die Vernetzung, die es ermöglicht, über den gesamten Wertschöpfungsprozess Veränderungen zu erkennen.
Lean bietet zwei Steuerungsprinzipien. Das Fluss- und Pull-Prinzip. Kundenaufträge stoßen die Prozesse in einem Lean-Unternehmen an. Fluss- und Pull-Prinzip sorgen gemeinsam dafür, dass jeder Prozessschritt möglichst verschwendungsarm abläuft. Mit Hilfe der Digitalisierung kann auch das Umfeld eines Unternehmens betrachtet werden, beispielsweise Lieferanten. Dadurch gibt es einen verbesserten Informationsfluss. Alle wichtigen Informationen können
Aktueller Ort, aktuelles Material
Situationsabhängige Datenaufbereitung in Echtzeit
Verbesserung
Durch Mitarbeiter reaktiv im Tagesgeschäft
Selbstoptimierung, Prädiktion
wiederum den Mitarbeitern zur Verfügung gestellt werden, um sie für ihren Prozessschritt zu nutzen. Engpässe lassen sich dadurch schneller identifizieren.
Bei der Informationsbeschaffung ergänzen sich Lean Management und die Möglichkeiten der Digitalisierung sehr gut. Beim Lean Management fließen Informationen, die direkt am Material vor Ort festgestellt werden, ein. Diese können ergänzt werden mit Informationen, die von Maschinen in Echtzeit erfasst werden. Somit lassen sich Probleme effektiver lösen, da der Ort der Fehlerentstehung schneller gefunden wird und Probleme umfassender beschrieben werden können.
Auch bei der Verbesserung von Abläufen und Prozessen ergänzen sich Lean und Digitalisierung. Im Lean Management werden Verbesserungsaktivitäten entweder reaktiv bei Abweichungen von Soll-Zuständen angestoßen oder proaktiv durch Vorgabe neuer Ziele. Die Digitalisierung kann hier ergänzen. Durch Transparenz wird die Verfolgung von Verbesserungsmaßnahmen erleichtert. Behobene Probleme werden dokumentiert und in einer Wissensdatenbank abgelegt. Durch die Möglichkeit zur vernetzten Suche kann vermieden werden, dass gleiche oder ähnliche Probleme wiederholt gelöst werden.
Vergleich der Prinzipien von Digitalisierung und Lean
In Tabelle 2 wird gezeigt, welche Bereiche des Lean Managements und der Digitalisierung bereits ineinandergreifen. Mit der Digitalisierung ergeben sich neue Möglichkeiten, ein bestehendes System diesen Zielen näher zu bringen. Dafür müssen die Potenziale der Digitalisierung in bekannte Lean-Methoden integriert werden, ohne die zugrunde liegende Denkweise aufzugeben.
Kundenorientierung steht sowohl bei Lean als auch bei der Digitalisierung im Fokus. Während der Lean-Ansatz strategisch ist und dezentrale Steuerung erfordert, gibt es bei der Digitalisierung eine dynamische Planung von Zielen, Kosten und Zeit. Um Lean Management und Digitalisierung verbinden zu können, muss die Lean-Methode auf die Dynamik angepasst werden.
Die Betrachtung des Prinzips "Wertstrom identifizieren" zeigt, dass es Gegensätze bei den Informationsflüssen gibt. Die Informationsflüsse müssen in einem digitalen Unternehmen über alle Ebenen hinweg funktionieren und dürfen nicht durch hierarchische Informationswege verlangsamt werden. Digitalisierung ermöglicht es, über Abläufe, Kennzahlen und Ziele in Echtzeit zu informieren. Das ist ein Vorteil in den Geschäfts-
Prinzip Lean Management Digitalisierung
Den Wert aus Sicht des Kunden definieren
Spannungsverhältnis durch kundenindividuelle Leistungen für interne/externe Kunden
Ausrichtung des Wertstroms am Kundentakt
Strategische Planung und Steuerung mit den vorgegebenen Zielen Qualität, Kosten und Zeit
Identifizieren des Wertstroms Vermeidung und Eliminierung von Verschwendung
Zunahme von Individualität und Bestellfrequenzen erhöhen weiter das Spannungsverhältnis Dynamische, eventbasierte Planung und Steuerung, mit sich anpassenden Zielen für Qualität, Kosten und Zeit
Horizontale und vertikale Integration der Informationsflüsse unternehmensübergreifend
Fokussierung auf den Materialfluss und Dienstleistungsprozess Echtzeitfähige Informationsrückkopplung
Hierarchische, unidirektionale Ausrichtung des Informationsflusses
Fluss erzeugen Ermöglichung des Materialstroms ohne größere Unterbrechungen
Maschinen- und Mitarbeiterauslastung als wichtigstes Ziel
Reaktion auf Kundenbedürfnisse (Pull-Prinzip) Zentrale Planung und Steuerung (Pull-Prinzip)
Informationsfluss ist hierbei dem Materialfluss und Dienstleistungsprozess traditionell entgegengerichtet, wenn der Kunde ziehend seine Produkte und Dienstleistungen anfordert
bidirektionale Ausrichtung des Informationsflusses Transparenz durch verstärkte IT-Anbindung entlang von Informations- und Materialfluss
Fluss und Auslastung nicht vordergründig. Vielzahl von internen und externen Zielen fokussiert
Dezentrale Planung und Steuerung selbststeuernder intelligenter Elemente (Intelligente Maschine…)
Eventbasierte Adhoc-Planung und Steuerung
Überwindung von Medienbrüchen
prozessen, da schnell reagiert werden kann. Es werden gemeinsame Ziele entwickelt, die sich an der Vorgehensweise von Lean Management orientieren. Zusätzlich erhält jeder Mitarbeiter in Echtzeit die Daten, die für die Arbeit benötigt werden. Die Ziele in Verbindung mit den Daten ermöglichen es den Mitarbeitern, schneller eigenständig Entscheidungen zu treffen.
Damit Lean und Digitalisierung auch beim Prinzip "Fluss erzeugen" miteinander arbeiten können, müssen sich die Inhalte ergänzen.
Kontinuierliche Verbesserung insbesondere durch Prozessstruktur
Sie ermöglichen dadurch, die Vorteile beider Konzepte hervorzuheben. Bei Lean Management ist das wichtigste Ziel, die Maschinen und Mitarbeiter optimal auszulasten. Das Ziel wird in der Digitalisierung ebenfalls verfolgt, ist aber nicht vordergründig.
Dank der Transparenz entlang des Informations- und Materialflusses können Unterbrechungen oder Schwachstellen identifiziert werden. Dadurch können Mitarbeiter und Maschinenauslastungen kontrolliert werden.
Kontinuierliche Verbesserung, Selbststeuerung, selbstoptimierend und selbstlernend auf Grundlage von dynamischen Zielsystemen
Erhöhung von Feedbackmöglichkeiten durch Kunden
Im Lean Management gibt es das Prinzip "Perfektion anstreben". Es beschreibt, dass es kontinuierlicher Verbesserungen bedarf. In der Digitalisierung wird ebenfalls eine kontinuierliche Verbesserung benötigt. Sie geht in der Digitalisierung weiter als im Lean Management, da durch Feedback-Möglichkeiten und Selbststeuerung mehr Daten geschaffen werden. Das Prinzip aus dem Lean Management muss in dem Bereich um die Möglichkeiten der Digitalisierung erweitert werden. Die wichtigste Komponente aller neuen Technologien ist
das Thema Daten, wobei häufig von Business Intelligence und Data Mining die Rede ist. Denn die intelligenten Maschinen, die automatisierten Prozesse sowie die Tätigkeiten der Mitarbeiter erzeugen Daten, die es auszuwerten gilt. Mithilfe dieser Daten können Entscheidungen bezüglich strategischer Ausrichtungen getroffen werden, aber auch die Überprüfung festgelegter Ziele und KPIs lässt sich anhand der Daten bewerkstelligen. So ist es möglich, schnell auf Schwierigkeiten im Prozessablauf zu reagieren.
In diese Abläufe spielt Lean Management hinein. Die Lean Methoden helfen dabei, Ausgangspunkte sowie Arbeitsetappenziele zu definieren. Sie schaffen die Kultur, die es benötigt, um mit den Möglichkeiten der Digitalisierung umzugehen.
Handlungsempfehlungen und Fazit
Auf der einen Seite müssen die Methoden des Lean Managements verinnerlicht werden. Auf der anderen Seite muss ein Change Management und damit die Kultur des Unternehmens von den Führungskräften in den Fokus gerückt werden. Digitalisierung kann nur im Rahmen einer gesunden Kultur des gegenseitigen Respekts und des Miteinanders, der Kollaboration, gedeihen. Dies spiegelt den Ansatz des Lean Managements wider. Sowohl für die Digitalisierung als auch für Lean Management braucht es Menschen.
Erst wenn die Unternehmenskultur bereit für neue Ansätze ist, sollten die Potenziale der Digitalisierung in die Lean Methoden integriert werden. Der erste Schritt für eine Symbiose zwischen Digitalisierung und Lean
Management ist demnach die verankerte Denkweise in der Unternehmens-DNA, die von jedem Mitarbeiter gelebt werden muss. Ganz wichtig: Die Führung muss den Weg vorgeben und mitgehen.
Quellen- und Literaturhinweis
Kieviet, André (Digitalisierung und Lean, 2016): Digitalisierung der Wertschöpfung: Auswirkungen auf das Lean Management in Künzel, Hansjörg (Hrsg.) Erfolgsfaktor Lean Management 2.0, Berlin, Heidelberg: Springer Berlin Heidelberg, 2016, S. 41 - 59
FOM Hochschule für Oekonomie & Management, Buchautor und Berater für Strategie-, Transformations- und Change-Prozesse markus.dahm@fom.de
