Die Digitalisierung macht Angst. Sie macht nicht nur Eltern Angst, die am Anfang der Pandemie lernen mussten, wie Onlinekonferenzplattformen funktionieren, damit ihre Kinder beim Homeschooling mitmachen konnten. Sie macht seit Jahren Arbeitnehmern und Führungskräften Angst. Sie ist der Auslöser für viele unruhige Nächte, zerbrochene Köpfe und verbreitete Ratlosigkeit: Wohin entwickelt sich das alles? Müssen wir da mitmachen? Wie holen wir unseren Rückstand auf?

Auch wenn die Pandemie den Fortschritt in Sachen Digitalisierung beschleunigt hat, so richtig wohl fühlen sich viele trotzdem

nicht damit. Während einerseits manche Unternehmen mit neuen Mitarbeitenden nur noch Homeoffice-Verträge vereinbaren und ihre Großraumbüromieten kündigen, ist es anderen Führungskräften immer noch am liebsten, wenn die Mitarbeiter vor Ort und direkt ansprechbar sind.

Die Digitalisierung ist ungewiss. Und niemand hat den Masterplan im Keller (auch wenn viele das vollmundig versprechen). Aus diesem Umstand entsteht in Unternehmen Folgendes: Sie rennen, ohne eine erkennbare Richtung zu verfolgen. Werte, Haltungen und Strategien wechseln jährlich, werden erarbeitet, ausgerollt, eingerollt und neu entwickelt, während sich die wahren Knackpunkte oft unangetastet davon überhaupt nicht ändern.

Zeit für einen Perspektivwechsel

Um diesem ganzen Szenario an Überforderung und Hilflosigkeit eine andere Perspektive gegenüberzustellen, lohnt sich ein Blick in die Geschichte. Denn Wendepunkte, an denen Menschen Gefühle der Überforderung, Hilflosigkeit, Abwehr und Angst verspürten, gab es immer wieder, bevor Veränderungen Alltag wurden. Ein Beispiel ist die Einführung der Eisenbahn. Ihre Höchstgeschwindigkeit lag damals bei 30 km/h. Darüber lachen wir heute, aber

damals gab es nichts, das so schnell fuhr. Diese Erfindung führte zu wahnsinnig tollen Chancen – gleichzeitig verursachte sie große Angst. Gerüchte wie die Vermutung, dass bei einer solchen Geschwindigkeit womöglich das Trommelfell platzt, verbreiteten sich wie Lauffeuer.

Der Historiker Reinhart Koselleck nennt das das Auseinandertreten von Erfahrungsraum und Erwartungshorizont. Im Klartext: Menschen können nicht mehr auf Erfahrungen aus der Vergangenheit zurückgreifen, um die eigenen, individuellen Veränderungsprozesse zu beschleunigen. Es gab keinen Erfahrungsraum für solche Geschwindigkeiten, um vergangene Erlebnisse für diese Neuigkeit zu nutzen.

Was ebenfalls im Weg stand, war das Beschleunigungsparadox, das uns auch heute heimsucht. Mit Beginn der Industrialisierung empfanden Menschen das Gefühl, dass sich die Welt um sie herum zu schnell verändert. Das führte zu Zeitnot und Zeitdruck, obwohl ja viele Errungenschaften dieser Zeit ihnen eigentlich Last abnahmen. Statt Erleichterung wahrzunehmen, stieg der Stress.

Wer heute häufig unter destruktivem Stress leidet und das Gefühl hat, seinen Verpflichtungen nicht gerecht zu werden, hat gute Chancen, dass ihn ein Burnout-Syndrom

ereilt. Diese Krankheit allerdings existiert nicht erst seit 30 Jahren, sie hatte im 19. und 20. Jahrhundert nur einen anderen Namen (und wurde mit zweifelhaften Methoden behandelt): Nervosität/Neurasthenie. Sie war zu diesen Zeiten stark verbreitet und löste ähnliche – wenn nicht sogar gleiche – Symptome aus.

Cool down with: Drei historische Learnings

Die Zukunft ist nicht mehr die Wiederkehr des immer Gleichen. Es ist nicht klar, was morgen ist und auch nicht, ob es positive oder negative Effekte auf das eigene Leben haben wird. Prof. Dr. Andreas Rödder hat drei historische Learnings formuliert, die uns heute helfen sollen, damit zurecht zu kommen:

1. Die Zukunft wird auf gar keinen Fall so, wie wir denken. „Es ist wahrscheinlich, dass das Unwahrscheinliche geschieht“, nannte es Aristoteles. Wer hätte schließlich vor 100 Jahren gedacht, dass wir heute die meiste Zeit des Tages auf einen kleinen Bildschirm schauen und damit mit jedem Menschen auf der ganzen Welt in Verbindung treten können? Genau.

2. Die Komplexität nimmt zu, nicht ab. Wenn wir heute ein neues Problem haben, heißt das nicht, dass das alte

weg ist. Das ist kompliziert und wird Menschen immer wieder überfordern. Dass eine Pandemie ausgebrochen ist, hat nämlich nicht den Klimawandel gestoppt – sich gleichzeitig um diese beiden lebensbedrohlichen Angelegenheiten zu kümmern, überfordert gerade Politiker genauso wie Aktivisten.

3. Egal, was der Mensch tut, es wird unvorhersehbare Konsequenzen haben. Wir leben in einem Geflecht aus unterschiedlichen Systemen und es ist nicht immer klar auszumachen, was mit was zusammenhängt. Gerade stellt die Autoindustrie auf Elektro um, eigentlich ein guter Gedanke – aber gibt es genügend Lithium und Kobalt, um langfristig alle benzinbetriebenen Fahrzeuge auszutauschen? Und wie können diese Rohstoffe ökologisch abgebaut werden? Das sind Probleme, die vorhersehbar sind. Was aber schlussendlich tatsächlich passiert, ist unvorhersehbarer, als wir glauben.

Diese drei Learnings führen zu folgenden Empfehlungen:

• Verabschieden Sie sich von der Sehnsucht nach einfachen Lösungen. Komplexe Zusammenhänge können nicht einfach gelöst werden. Ja, das ist

frustrierend. Ja, das ist anstrengend. Und ja, das fühlt sich nicht gut an. Aber wir müssen lernen, die Komplexität zu ertragen.

• Bleiben Sie lieber offen, statt selbstgewiss. Je sicherer eine Prognose gestellt wird, desto sicherer ist gleichzeitig, dass sie falsch sein wird. Aber offen gegenüber Neuerungen zu sein und flexibel darauf zu reagieren, ist empfehlenswert. Es wird in Zukunft noch weniger Erfolg haben als jetzt schon, wenn Sie 30 Jahre dasselbe machen.

• Gestalten Sie lieber mit, statt nur zuzugucken. Eine Veränderung, die Sie sich zu eigen machen, wird nicht lange unangenehm sein und Sie bekommen damit die Chance, die Veränderung für sich positiv zu nutzen.

Vernetzung ist gerade in Zeiten großer Veränderung und Transformation wichtig.
Vernetzung ist gerade in Zeiten großer Veränderung und Transformation wichtig. Foto: © geralt - pixabay.com

Keine Innovationen – keine Zukunft

Innovationen machen Unternehmen zukunftsfähig – denn Sie helfen, in der sich ständig ändernden Welt einen Weg zu

Zusammen führen

In ihrem neuen Buch "Zusammen führen" (erschienen bei Wiley) beleuchtet Eva-Maria Kraus, wie klug vernetztes Arbeiten funktionieren kann. Übersichtlich und praxisnah liefert sie eine handfeste Methode, mit der Führungskräfte innovationsfördernde Netzwerke in Unternehmen einführen, etablieren und ausbauen können. Hilfreich sind dabei Hintergrundinfos, Interviews, zahlreiche Beispiele aus der unternehmerischen Praxis und Bezüge in die Vergangenheit, Hinweise zu Psychologie sowie zu Wissenschaft und Forschung. Mehr Infos unter: www.zusammenführen.at

finden, sich von der Konkurrenz abzugrenzen und gegen sie durchzusetzen. Auch wenn alle Führungsetagen das genau wissen, fällt es den meisten Unternehmen schwer, Innovationen zu erzeugen. Warum ist das so?

Weil Menschen gern auf dem beharren, was sie kennen. In Unternehmen sind Vorgänge über Jahre erprobt und gewachsen, wurden vielleicht mal angepasst, aber selten komplett erneuert. Erklärt werden kann das mit dem "Gesetz der Trägheit" von Newton: „Ein Körper verharrt in seiner Position, solange ihn keine äußere Kraft zur Veränderung zwingt“. Bedeutet: Ohne Druck, keine Veränderung. Es braucht also Innovationsdruck, damit die Trägheit in Unternehmen überwunden werden kann und Veränderung möglich wird.

Dass da was dran ist, können wir an der Coronapandemie und ihren Auswirkungen sehen. Plötzlich konnten neue Verhaltensweisen Einzug halten. Nie für möglich gehaltenes Homeoffice konnte eingeführt werden und, wie schon gesagt, die Digitalisierung bekam insgesamt mehr Raum und damit Chancen, Unternehmen weiterzubringen.

Eva-Maria Kraus Wie vernetztes Arbeiten Unternehmen langfristig zum Erfolg führt Eva-Maria Kraus
Eva-Maria Kraus Wie vernetztes Arbeiten Unternehmen langfristig zum Erfolg führt Eva-Maria Kraus

Kompetenzvernetzung gegen Veränderungsträgheit

Die Sorge vor einer ungewissen Zukunft ist nicht neu. Sie beschäftigt Menschen seit jeher. Wir können aber anfangen, anders damit umzugehen. Bis heute ist weitgehend unterschätzt, welche Potenziale hierarchieübergreifende Kompetenzvernetzung in Unternehmen freilegt. Das liegt daran, dass Kompetenzvernetzung lange hinderlich war, um in Unternehmen weiterzukommen.

Denn dort galt der auch hier falsch interpretierte Satz von Charles Darwin: „Survival of the fittest“. Darwin meinte damit zwar nicht, dass der Stärkere gewinnt. Das war aber ziemlich lange egal. Unternehmen demonstrierten ungebrochen ihre Stärke – untermalt von Werbebotschaften wie:

„Wir sind die Besten“, „Unser Produkt ist der Konkurrenz Meilen voraus“, usw. So wurden auch lange die "Schwachen" aus dem Business gedrängt.

Dabei bedeutet "Survival of the fittest" eigentlich: Der, der sich am besten an die sich veränderte Umgebung anpasst, überlebt. Ob ein Unternehmen erfolgreich ist, wird also dadurch bedingt, wie schnell und flexibel es sich anpassen kann. Heute also: wie schnell und flexibel Unternehmen auf den digitalen Markt reagieren.

Zusammen statt allein an Lösungen zu arbeiten, ist ein Weg, um der zunehmenden Komplexität den Kampf anzusagen. Marissa Mayer, Präsidentin von Yahoo von 2012 bis 2017, sagte dazu Folgendes: „Wer etwas teilt, baut Netzwerke auf. Ein Netzwerk führt zur Zusammenarbeit. Zusammenarbeit führt zu Kreativität und Innovation – und die verändern die Welt“. Das bedeutet also, dass nur wer zukünftig voneinander und miteinander lernt und Silos der Wissensvermittlung und Wissensverteilung auflöst, in der Lage sein wird, alle Potenziale im Unternehmen zu nutzen.

Das braucht Mut. Denn es bedeutet, große Veränderungen zuzulassen, wie eine starre Hierarchie hinter sich zu lassen, um so die Unternehmenskultur nicht nur oberflächlich, sondern tiefgehend, langfristig und positiv zu verbessern. Aus- und Weiterbildungen und der gegenseitige Wissensaustausch müssen auf Augenhöhe stattfinden können, damit die bestehende Innovationskraft des Unternehmens ausgeschöpft werden kann. Erst, wenn Führungskräfte Expertenwissen und -status hinter sich lassen, kann Kompetenzvernetzung stattfinden.