„Die Schnecke empfiehlt sich als neues deutsches Wappentier“, das schrieb kürzlich die Neue Züricher Zeitung. Die ausländische Presse fragt sich zurecht, was mit Deutschland passiert ist. Bund und Länder verharren in einem depressiven Lockdown-Fundamentalismus und stellen komplexe, unpraktikable Öffnungspläne vor, die kaum jemand versteht. Sie nehmen in Kauf, dass die Entfremdung zwischen Gesellschaft und Staat zunimmt und die sozialen wie wirtschaftlichen Kollateralschäden ins Unermessliche wachsen.
minvergabe ihr eigenes Süppchen. Mit der bayerischen Lösung "impfzentren.bayern" wurde ein System geschaffen, mit dem ich mehrfach unerfreuliche Bekanntschaft machen durfte. Offiziell entwickelt von dem "weltweit führenden Berater für Strategie, Management Consulting, Digitalisierung, Technologie, Outsourcing und Business Transformation" hat das System ein Niveau, das vermuten lässt, hier hätte ein Praktikant erste Programmierübungen vollzogen.
Und als ich die Hürden der IT-gestützten Terminvergabe überwunden hatte, standen dann tatsächlich Besuche in zwei Impfzentren an. Lean-Enthusiasten kommen die Tränen, wenn sie die Prozesse dort beobachten (lesen Sie dazu bei Interesse meinen Beitrag auf LinkedIn: https://kurzelinks.de/impfprozess) Kein Just-in-Time, keine Abtaktung, kaum Standards, Verschwendung zuhauf, Wartezeiten von bis zu 90 Minuten. Details gefällig?
• Der Prozess ist nach der Anmeldung
überwiegend papierbasiert.
• Diverse Schleifen, da Informationen oder
• Insgesamt 21 Seiten Papier, 8 Stempel
und unzählige Unterschriften (ohne die 12-seitige Datenschutzinformation).
• Der wertschöpfende Prozess dauerte
dabei gerade einmal 15 Sekunden.
Warum wurden zur Prozessgestaltung keine Lean-Spezialisten eingebunden? Bemühungen von mir und anderen "Berufenen", den Prozess optimieren zu dürfen, fanden bislang wenig Gehör. Früher oder später droht ein gigantischer Impfstau – dabei wäre schnelles Impfen nach Meinung vieler Wissenschaftler der einzige Weg zurück zu einem halbwegs normalen Leben!
Was unseren Politikern und der öffentlichen Verwaltung meines Erachtens fehlt, ist Agilität. Diese gilt gemeinhin als eine der Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts. Sie ist die Antwort auf die zunehmende Komplexität und Dynamik unserer Welt. Der Begriff Agilität kommt von Agilis (lat.) und bedeutet so viel wie gewandt, wendig und flink. Sie hat vier zentrale Aspekte: Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit, Kundenzentriertheit und
Haltung. Geschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit bedeuten, schnell auf neue Herausforderungen reagieren und sich in kurzer Zeit an Veränderungen anpassen zu können. Eine bessere Kundenorientierung durch Agilität wird erzielt durch ein Vorgehen in kurzen, häufigen Iterationen bzw. Experimenten, also durch Vorwärtsgehen in kleinen Schritten und die sich dadurch ergebenden Möglichkeiten, dynamisch auf Kundenwünsche zu reagieren. Der vierte und letzte Aspekt wird immer mehr als zentraler Erfolgsfaktor erkannt: die agile Haltung, auch als agiles Mindset bezeichnet. Dieses zielt ab auf eine bestimmte Verhaltensweise, insbesondere einen wertschätzenden Umgang miteinander, der eine Begegnung auf Augenhöhe ermöglicht. Wäre es nicht schön, wenn wir als Bürger so etwas mal wieder ansatzweise spüren könnten? Wenn die überbordende Bürokratie abgebaut werden würde? Was bleibt ist Hoffnung, die stirbt bekanntermaßen zuletzt!
Haben Sie Ideen, wie Deutschland das Schneckensyndrom überwinden kann? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!
