Die Übernahme der japanischen Produktionsprinzipien, namens "Lean Production" hat sich bewährt und die Rolle der Produktion sowie den allgemeinen Wohlstand gestärkt. Hierzu war es notwendig, dass Produktionsmanager sehen gelernt und das Verständnis dafür entwickelt haben, dass nicht jede Form von Arbeit auch sinnvoll ist. Unter dem Begriff "Wertschöpfung" werden alle Arbeiten zusammengefasst, die einen unmittelbaren Mehrwert für den Kunden erzeugen. Alle anderen Tätigkeiten sind zunächst nicht wertschöpfend

oder gar Verschwendung. Mit diesem Blick für Wertschöpfung und Verschwendung konnten in den produzierenden Unternehmen in den letzten Jahren viele Potenziale u.a. bei Produktivität, Qualität, Flexibilität und Ergonomie erkannt und erschlossen werden. Dies kann aber nicht einige Probleme überdecken, die bei der praktischen Anwendung dieser Sichtweise immer wieder auftauchen. So ist das zwischen Wertschöpfung und Verschwendung liegende recht unscharf beschrieben und führt zu Missverständnissen und Diskussionen.

Deshalb habe ich ein erweitertes Modell entwickelt, das ich in einer früheren Ausgabe dieses Magazins vorgestellt habe. In diesem Modell wird die menschliche Arbeit nach den fünf Typen Wertschöpfung, Unterstützung, Administratives, Verschwendung und Verbesserung klassifiziert (Abb. rechts).

Damit ist der Blick auf den Arbeitsprozess noch weiter geschärft worden und es wurde klar, dass diese Sichtweise universell und damit auch auf andere Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens übertragbar ist.

Die Frage drängt sich also auf, was dabei herauskäme, würde man die Volkswirtschaft Deutschlands als ein Unternehmen – nennen wir es Deutschland AG – betrachten, dessen Ziel es ist, die Bedürfnisse seiner Kunden verschwendungsfrei zu befriedigen. Was wäre in einem solchen System überhaupt wertschöpfend und was Verschwendung? Wer sind die Protagonisten in diesem System, mit welchen Mitteln arbeiten sie? Wer ist eigentlich der Kunde?

Transfer auf die Volkswirtschaft – die Deutschland AG

Die Volkswirtschaft, auch Ökonomie, wird definiert als die Gesamtheit des wirtschaftlichen Zusammenwirkens privater Haushalte, Unternehmen und staatlicher Einrichtungen innerhalb eines bestimmten Wirtschaftsraums (Staatsgebiet) mit einer einheitlichen Währung.

Der Kunde der Deutschland AG ist der Bürger. Es geht um seine Bedürfnisse. Im Vordergrund stehen die Grund- und

Existenzbedürfnisse wie essen, trinken, schlafen oder atmen. Diese sind elementar und dienen dem persönlichen Überleben. Die nächste Ebene bilden die Sicherheitsbedürfnisse, zu denen materielle Sicherheit, ein Dach über dem Kopf, Gesundheit sowie Arbeit gehören. Es folgen die sozialen Bedürfnisse wie soziale Beziehungen, Kommunikation, Zuneigung, Gruppenzugehörigkeit und Geborgenheit. An vierter Stelle stehen die Individual- oder auch Ich-Bedürfnisse, Erfolg, Unabhängigkeit und Freiheit und der Wunsch nach Ansehen, Prestige und Wertschätzung. Sind alle diese Bedürfnisse befriedigt, wendet sich der Mensch der persönlichen Selbstverwirklichung zu. Hierzu zählt der Wunsch, das eigene Potenzial auszuschöpfen und Talente zu entfalten. Der Mensch strebt auf dieser Ebene danach, seinem Leben einen tieferen Sinn zu verleihen.

Die Beurteilung und Priorisierung der Bedürfnisse erfolgt stets aus der Kundenperspektive, bzw. bezogen auf das Modell der Deutschland AG, aus der Perspektive der Bürger. Es kann nicht darum gehen, den Menschen ihren Lebensstil vorzuschreiben, solche verbotsgetriebenen Ansätze scheitern regelmäßig. Vielmehr geht es darum, die individuell definierten Bedürfnisse möglichst verschwendungsfrei zu befriedigen.

Nun ist dieser Bürger aber auch verpflichtet, Dinge zu tun, die er nicht als Beitrag zur Befriedigung seiner Bedürfnisse bezeichnen würde. Hierzu zählen exemplarisch Behördengänge, das Erstellen einer Steuererklärung oder die Reparatur von beschädigtem Eigentum. Bezeichnenderweise finden diese Dinge in der Regel in der sogenannten Freizeit statt und steigern – wie vieles andere, was nicht wertschöpfend ist – darüber hinaus das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Auch die volkswirtschaftlichen Aktivitäten können nach den fünf Ausprägungen unterschieden werden (s. Abb. S. 26).

Wertschöpfung: Alles, was dazu beiträgt, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen Das Erbringen von Leistung muss beim Bürger das Verlangen wecken, diese in Anspruch zu nehmen. Sobald dies der Fall ist hat die Deutschland AG gute Arbeit geleistet. Deshalb ist sie darauf verpflichtet, sich auf die einzelnen Bedürfnisse ihrer Bürger als Kunden auszurichten, die unterschiedlich stark in Erscheinung treten. Unter diesen Bedürfnissen fassen sich alle Dinge zusammen, die der Mensch benötigt, um seine physiologischen, sozialen und individuellen Bedürfnisse zu befriedigen und diese können – wie erwähnt – nur individuell definiert werden.

Support: Alles, was beiträgt, dass das "System Deutschland" betriebsbereit ist

Gemeint sind alle Maßnahmen, welche die Verfügbarkeit der Deutschland AG

sicherstellen. Hierzu zählen die Inspektion, Wartung und geplante Instandsetzung von öffentlichen Einrichtungen, sofern sie der Wertschöpfung, d.h. der Bedürfnisbefriedigung der Menschen, dienen. Ebenfalls alle Maßnahmen zur Wahrung der inneren und äußeren Sicherheit (Polizei, Militär), sofern sie der Aufrechterhaltung des "Systems Deutschland" dienen. Dazu gehören auch unbeliebte Dinge, wie die Einhaltung von Regeln, die die Menschen vor körperlichen Schäden im Alltag schützen, wie Produktzulassungen, Bauvorschriften, Verkehrsregeln. Zur Sicherstellung der Betriebsbereitschaft gehört auch die Bereitstellung der Energie. Diese Bereitstellung ist mehr ein Prozess, als ein Zustand – der Weg dahin ist aber verschwendungsbehaftet.

Administration: Alles, was für die Selbstverwaltung des "Systems Deutschland" aufgewendet wird Die Selbstverwaltung ist die unabhängige

und eigenverantwortliche Verwaltung einer beliebigen Angelegenheit. Die Deutschland AG definiert hier den gesetzlichen Rahmen – so wie ein Unternehmen seine internen Spielregeln und Regeln der Kommunikation vorgibt. Demzufolge enthält die Administration alle notwendigen Vorgänge, um das "System Deutschland" und die dazu gehörigen Prozesse verwaltungstechnisch zu planen, zu kontrollieren und zu steuern.

Dazu zählen die Aktivitäten der Organe des Staates, der Länder und der Kommunen. Insbesondere die Berichtspflicht der Unternehmen an Behörden, wie Jahresabschluss oder Bilanzen sowie Steuererklärungen. Nicht zuletzt zählen hierzu das Reporting an das Statistische Bundesamt oder die Berufsgenossenschaft.

Dabei muss das oberste Ziel die Minimierung von administrativen Tätigkeiten sein. Diese Dinge stehen häufig gerade deshalb in der

Kritik, weil sie als Selbstzweck empfunden werden, bzw. den Erzeugern dieser Vorschriften mangelndes Verständnis für den damit verbundenen Aufwand vorgeworfen wird.

Verschwendung: Alles, was Ressourcen vernichtet, ohne dass dahinter ein Wertzuwachs im Sinne der Bedürfnisbefriedigung steht oder ein Beitrag zu einer der drei anderen Kategorien geleistet wird Unter Verschwendung verstehen wir die überflüssigen Aktivitäten, die nicht werthaltig bzw. wertschöpfend sind und keinen positiven Einfluss auf die drei anderen betrieblichen Aktivitäten (Unterstützung, Administration und Verbesserung) haben. In der Deutschland AG sind das die Transaktionen von Material, Menschen, Energie, Daten und Geld. Auch wenn es schwerfällt, zu akzeptieren: wenn Transport in Fabriken Verschwendung ist, dann gilt dies auch für den Gütertransport in der Deutschland AG.

Natürlich zählen hierzu auch die Zerstörung von natürlichen Ressourcen und die Erzeugung von Emissionen wie Klimagasen, Feinstaub und Lärm – sei es durch den Versuch, die Bedürfnisse zu befriedigen oder als Folge aller anderen Kategorien. Gleichfalls hinzuzuzählen ist die Erzeugung von Mura und Muri (Stress, Burnout) bei den Menschen sowie die störungsbedingte Instandsetzung der von den Menschen persönlich genutzten Infrastruktur.

Verbesserung: Alles, was dazu beiträgt, die Gesellschaft oder die Menschen weiterzuentwickeln Sowohl für Menschen als auch für Systeme besteht immer die Möglichkeit, ihr Potenzial zu steigern, um dadurch höhere Leistungen erzielen zu können. Die Weiterentwicklung von Menschen im Sinne der Persönlichkeitsentfaltung oder Ausschöpfung des eigenen Potenzials, kann durch verschiedene Formen des Wissenserwerbs erfolgen. Diese Möglichkeiten werden öffentlich angeboten (z. B. Schulbildung oder Besuch von Universitäten) und sind teilweise sogar verpflichtend. Aber auch die Steigerung der Leistungsfähigkeit eines Prozesses oder eines Systems der Deutschland AG kann als Verbesserung wahrgenommen werden.

Neben den erwähnten öffentlichen Angeboten von Erziehung, schulischer Bildung, Berufsausbildung und Hochschulbildung existieren weitere, von privaten Organisationen angebotene Formen des Wissenserwerbs und der positiven Persönlichkeitsentwicklung. Zu den Verbesserungen gehören ganz sicher auch Projekte zum Bürokratieabbau und zur Serviceverbesserung gegenüber den Bürgern.

Ein paar Worte zur Erläuterung

Die Deutschland AG ist ein komplexes System aus Kunden und Lieferanten, Selbstverwaltung, Aufrechterhaltung der Betriebsbereitschaft und purer Verschwendung – genau, wie jeder Betrieb. In diesem Modell hat der Mensch eine Doppelfunktion: einmal die des Leistungsempfängers, also des Kunden. Auf der anderen Seite hat er die Rolle desjenigen, der im Wirtschaftssystem tätig ist und eben diese Leistung erbringt.

Mobilität wird als menschliches Grundbedürfnis definiert. Auf der anderen Seite definiert die Lean-Sicht das Bewegen von Menschen und Material als Verschwendung. Deshalb ist Mobilität Verschwendung, ganz gleich welchem Zweck sie dient. Ob das der Gütertransport ist oder der Weg zum Arbeitsplatz.

Ebenso zeigt sich, dass es ganze Wirtschaftszweige gibt, deren Unternehmen durchaus im Sinne der Verschwendungsvermeidung effizient arbeiten, die aber Produkte anbieten, die keinen unmittelbaren oder mittelbaren Nutzen für die Menschen haben. Sie dienen der Selbstverwaltung, oder der physischen Realisierung von hingenommener

Verschwendung, wie Transport von Gütern oder der störungsbedingten Instandsetzung von Betriebsmitteln.

Und jetzt?

Auf Basis dieser Grundlage hat das Institut für Produktionserhaltung e.V. (infpro) eine Studie erstellen lassen, in der dieses Modell mit belastbaren Daten über das Ausmaß der volkswirtschaftlichen Verschwendung versehen wurde. Dabei wurden volkswirtschaftliche Potenziale sichtbar, die die klassischen Instrumente der Volkswirtschaftslehre nicht erkennt und deshalb auch nicht erschließbar macht. Dabei steht nicht die klassische betriebliche Sicht auf Verschwendung (Effizienz) im Vordergrund, sondern die Sinnhaftigkeit des Wirtschaftens (Effektivität).

Im Einzelnen wurden Logistik, Lebensmittelverschwendung, Bürokratie und Bildung untersucht, ihr Anteil am BIP und – wo es möglich war – an der Emission von Klimagasen bestimmt. Dabei ist Erstaunliches herausgekommen, worüber ich in den nächsten Ausgaben von YOKOTEN berichten möchte.

So lange wollen Sie nicht warten? Dann finden Sie die vollständige Studie auf der Website: www.infpro.de

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Lehr- und Forschungsgebiet Produktionsmanagement, Hochschule Niederrhein andreas.syska@hs-niederrhein.de