Expertendialog

Während man vor 30 Jahren noch von "grünen Spinnern" sprach, hat der Öko-Gedanke in Deutschland inzwischen Einzug in den Mainstream gehalten. Unternehmen und Politiker haben Nachhaltigkeit als Betätigungsfeld erkannt und doch scheint es ein Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ökologie zu geben.

Prof. May: Unser Wohlstand ist durch überzogene Forderungen von Öko- und Klima-Fanatikern in Gefahr. Mit der Automobilbranche wird gerade eine unserer letzten Schlüsselindustrien demontiert. Viele Arbeitsplätze, auch bei den Zulieferern, sind in Gefahr.

Prof. Syska: Was ist an der Erhaltung der Lebensgrundlage der Menschheit überzogen? Und warum werden Menschen, die sich hierfür einsetzen, als Fanatiker diffamiert?

Prof. May: Der von mir bewusst gewählte Begriff "Fanatiker" beruht auf eigenen Beobachtungen. Ich sehe viele Menschen in missionarischem Eifer – ohne dass sie selber praktikable Konzepte vorweisen können. Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Überzeugungen werden nicht toleriert, sondern es wird lieber ein virtueller Shit-Storm gegen Andersdenkende initiiert. Das sind alles Anzeichen von Fanatismus.

Bezüglich Lebensgrundlage: Das sind doch bekanntermaßen zunächst einmal Nahrung, Wärme, Wohnung etc. Wenn Menschen ihren Job verlieren, sind diese Grundbedürfnisse nicht mehr gesichert, die Sozialsysteme müssen – sofern überhaupt vorhanden – einspringen. Diese sind bei uns aber bereits jetzt an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. Erste Priorität muss also immer die Sicherung von Arbeitsplätzen haben. Erst dann kann – auf der Basis einer gesunden Volkswirtschaft – dem berechtigten Wunsch nach einer

möglichst intakten Umwelt nachgekommen werden. Und, lieber Herr Syska, Luft und Wasser waren in Deutschland schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr so sauber, wie derzeit. Wir sind also auf einem guten Weg und sollten das Gleichgewicht von Ökonomie und Ökologie dem freien Markt überlassen.

Prof. Syska: Das mit dem freien Markt funktioniert schon allein deshalb nicht, weil der Planet kein Marktteilnehmer ist. Er verlangt keinen Preis für die Rohstoffe und berechnet keine Kosten für die Lagerung von Müll. Und deshalb gibt es für die Menschen keinen Anreiz, sich umsichtig zu verhalten. Ich wehre mich dagegen, Ökologie und Wirtschaft gegeneinander auszuspielen. Es geht nicht um ein "entweder-oder", sondern um "sowohl-als-auch". Oder machen Sie eine Abwägung des wirtschaftlich Sinnvollen, wenn Ihr Dachstuhl brennt?

Prof. May: Alarm, Alarm, Alarm – warum dieser Alarmismus?! Unser Dachstuhl brennt nicht! Aber davon mal abgesehen: Ich würde diese Abwägung durchaus vornehmen, weil sie sinnvoll wäre. Das Feuer ließe sich ja auch löschen, indem ich mit dem Bulldozer das Haus komplett platt mache. Genau das wird nach meinem Empfinden übrigens von vielen bezüglich der deutschen Industrie gefordert. Wir sind doch, was Ökologie und Klimaschutz angeht, auf einem Irrweg: Beispielsweise ist die Ökobilanz von Windrädern oder Elektroautos miserabel und die Rahmenbedingungen für Unternehmen und Privathaushalte verschlechtern sich dadurch ständig, zum Beispiel durch hohe Energiepreise.

Prof. Syska: Die Ökobilanzen von Windrädern und Elektroautos sind nicht miserabel. Der Carbon-Footprint eines eMobils liegt 10 bis 30 Prozent unter dem eines Verbrenners. Windenergie emittiert 15 g CO2 pro KWh gegenüber 1.000 g bei einem Kohlekraftwerk – jeweils über den Lebenszyklus gerechnet, also mit Bau, Wartung und Entsorgung. Miserabel ist für mich die Bilanz der Fossilverbrenner.

Prof. May: Na ja, da gibt es auch andere, genau gegenteilige Studienergebnisse. Das ist ja das Schöne an der Wissenschaft, dass es eben nicht nur DIE eine Wahrheit gibt, sondern dass permanent um neue Erkenntnisse gerungen wird. Fakt ist, dass die hohen Energiepreise mit dazu beitragen, dass Produktion ins Ausland verlagert wird.

Prof. Syska: Ihre Kritik bezüglich der Energiepreise kann ich nicht verstehen. Schauen Sie sich mal die Energiepreise an und wie hoch die Rechnung ist, welche die Deutschland AG zahlen würde. Dann stellen Sie fest, dass einen Großteil der Energieverbräuche die Industrie tätigt, aber nicht entsprechend an den Kosten beteiligt wird. Das heißt also, der Stromverbrauch der Industrie wird subventioniert durch Privatpersonen mit deren versteuertem Geld. Vielen Menschen ist gar nicht bewusst, dass ein Haushalt jedes Jahr mit 500 Euro dabei ist, die geradezu aus der eigenen Brieftasche zur Industrie transferiert werden.

Prof. May: Da stellen Sie die Dinge aber auf den Kopf. Die Ursache für die hohen Energiepreise ist ja das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz), was eben gerade den Strom so verteuert hat. Und wenn man jetzt diesen hohen Strompreis den Unternehmen, die sehr energieintensiv arbeiten, noch aufbürden würde, dann wären diese schon längst verschwunden.

Prof. Syska: Aber genau diese energieintensiven Unternehmen sind von der Umlage befreit und zahlen niedrige Energiekosten, quersubventioniert durch Kleingewerbe und Privathaushalte.

Prof. May: Hier greift die Verantwortung der Politiker, dass sie sagen, wir müssen daran arbeiten, diese Industrien zu erhalten.

Das ist nicht unbedingt gelungen. Ich weiß von einem großen deutschen Chemiebetrieb, der in Deutschland nicht mehr investiert, sondern einfach neue Standorte in anderen Ländern eröffnen wird, wo es eben günstiger ist. Beispielsweise in China, was natürlich auch mit den Absatzmärkten dort zu tun hat.

Man kann das eigentlich nicht der Industrie anlasten und zum Vorwurf machen, dass sie jetzt im Prinzip quersubventioniert wird von den Bürgern. Und schon ist der nächste Unfug im Gange. Ein Teil des Energiepreises wird künftig aus allgemeinen Steuermitteln bezahlt, um die Bürger nicht noch weiter zu belasten. Sinnvoller wäre es, diese irrsinnigen Zuschüsse und Geisterströme, die nicht fließen aber bezahlt werden, einmal in den Griff zu bekommen.

Prof. Syska: Genau wie dies seit 50 Jahren für Kohle und Atomenergie geschieht. Aber dies wird nicht ausgewiesen in der Stromrechnung durch eine Art "Fossile-Energien-Umlage" – das würde den Irrsinn für jedermann ja sichtbar machen. Vielmehr geschieht dies dort in Form von Finanzhilfen und Steuervergünstigungen, die stattdessen direkt den Staatshaushalt belasten. Also muss die Gesellschaft – und damit der Steuerzahler – für diese Kosten aufkommen. Kohle und Kernenergie haben seitdem einen dreistelligen Betrag an Milliardensubventionen erhalten. Da müssen die Erneuerbaren erst mal hinkommen.

Prof. May: Schauen Sie doch einmal woher diese Zahlen kommen – aus einer bestimmten politischen Ecke. Fakt ist doch, dass die derzeit CO2-ärmste Möglichkeit, Strom zu produzieren, die Atomenergie ist. Und der eigentliche Irrsinn besteht nicht darin, dass die Erneuerbaren subventioniert werden, sondern dass nur ein Teil der Subventionen für die Weiterentwicklung dieser Technologien verwendet wird. Schaut man sich an, wieviel Geld über die EEG-Umlage

eingenommen wurde und wie wenig sich der CO2-Ausstoß verändert hat, kommen einem die Tränen.

Prof. Syska: Da stimme ich Ihnen zu: der Skandal ist nicht, dass die Umlage erhoben, sondern dass sie zweckentfremdet wird. Dennoch macht sie gerade mal 20 Prozent aus. Da diese Kosten anteilig auf den Strompreis umgelegt werden, zahlt die Industrie auch weniger für die erneuerbaren Energien. Ich würde lieber für Energieeffizienz plädieren statt den Bürgern weiter in die Taschen zu greifen, um das Wirtschaften zu ermöglichen.

Prof. Syska: Nein, natürlich greift die Industrie den Bürgern nicht in die Tasche, aber ihre erfolgreiche Lobbyarbeit sorgt dafür, dass der Staat dies für sie übernimmt.

Prof. May: Ich glaube, unabhängig von einzelnen Zahlen, dass diese günstigen Strompreise für große, energieintensive Betriebe gelten, aber nicht für kleine mittelständische Unternehmen wie Maschinenbauer, CNC-Fräser etc. Wir hier am Campus bezahlen zum Beispiel ganz normale Strompreise. Wir haben auf ökologische Wärme- und Kälteerzeugung gesetzt mit einer Wärmepumpe. Die zieht natürlich Strom ohne Ende und wir haben eine Stromrechnung von über 2.500 Euro im Monat. Und das trotz ökologischer Bauweise...

Prof. Syska: Ja, Privatpersonen, Kleingewerbe und Gewerbetreibende sind diejenigen, die subventionieren. Und der einzige Subventionsempfänger – nicht direkt, aber über Ausgleichszahlungen – ist die Industrie. Alle anderen, auch andere Wirtschaftszweige werden zur Kasse gebeten, damit die Industrie günstige Strompreise bekommt.

Prof. May: Ich sehe die Ursachen eher in der massiven Förderung von nicht grundlastfähigem Strom. Anstatt in die Erforschung von Speichermöglichkeiten zu investieren, hat man hier andere, falsche Prioritäten gesetzt. Aber es ist ja nicht nur der Strom. Die gesamten Rahmenbedingungen führen dazu, dass Unternehmen sich schwertun, in Deutschland zu investieren und wie bereits erwähnt lieber in Schwellenländern oder sonst irgendwo Fabriken bauen, wo sie es leichter haben als bei uns.

Prof. Syska: Ja, aber durch Produktion im Ausland ist das Umweltthema nicht gelöst, im Gegenteil. Statt unsere Probleme zu exportieren, sollten wir an technologischen Lösungen arbeiten.

Prof. May: Dann lassen Sie uns beim nächsten Mal über sinnhaftes Wirtschaften sprechen, das die Basis für eine gute Öko-Bilanz darstellt.

Lehr- und Forschungsgebiet Produktionsmanagement, Hochschule Niederrhein andreas.syska@hs-niederrhein.de