Rhythmus ist für Lean Management so wichtig wie die Atemtechnik fürs Leistungsschwimmen. Oder wie die Schaltzeitpunkte im Motorsport. Beides sieht man nicht unbedingt auf den ersten Blick. Man sieht Menschen schwimmen oder Autos fahren. Doch die optimale Taktung dahinter ist entscheidend für den Erfolg. Zyklen helfen uns, zu planen und Menschen, Maschinen sowie Hilfsmittel zu synchronisieren und aufeinander einzustellen. Autoproduzenten wie Toyota oder Porsche haben ihre Produktion an eine solche Abfolge angepasst. Alle Beteiligten, auch alle Zulieferer, Arbeiter und Angestellten richten sich danach.
Lean Management im Selbstversuch
Fach- und Führungskräfte denken häufig das Gleiche: Lean Management funktioniere bei ihnen nicht. Doch wie lassen sich die Lean-Idee und das Prinzip des Rhythmus verständlich erklären? Meine fast 10.000 Kilometer lange Radtour von Freiburg zum Nordkap und zurück sollte diese Frage beantworten. Denn die Lean-Prinzipien sind so genial, dass sie sich problemlos auf alle möglichen Lebensbereiche übertragen lassen. Sie helfen jedem, der etwas optimieren, ein anspruchsvolles Ziel erreichen oder unerwartete Probleme lösen möchte. Zielbild meiner Radtour: Ich sah mich selbst stolz unter der schwarzen Nordkapkugel stehen. Das wollte ich unbedingt erreichen, um später darüber als Lean-Experte dozieren zu können. Aber ich wusste, für den Erfolg meiner Tour würde mein Rhythmus entscheidend sein, denn mit optimaler Taktung kann ich alles besser planen.
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Rhythmus – einer der Erfolgsfaktoren
Ich muss zugeben, vor meiner Tour saß ich als Radfahrer nicht besonders fest im Sattel. Generell versuchte ich, in meiner Freizeit zwei Stunden Mountainbike pro Woche zu fahren. Ich würde mich also eher als untrainiert beschreiben. Hinzu kam, dass ich keine Erfahrung darin hatte, derart weite Strecken mit dem Fahrrad zu bewältigen. Ich benötigte etwas, das mir Sicherheit geben würde, sowohl mein Ziel, die Nordkapkugel erreichen zu können, als auch den Rückweg über das Baltikum zu bewältigen. Hier kam der Rhythmus ins Spiel. So berechnete ich zunächst mithilfe von Google Maps, wie lange die Gesamtstrecke sein würde, nämlich knapp 10.000 Kilometer. Bei 120 verfügbaren Tagen machte das 100 Kilometer pro Tag plus 20 Ruhetage. Ich war zwar nicht vollends überzeugt, dass ich 100 Kilometer täglich schaffen würde, aber nichtsdestotrotz traute ich mir die Tour zu, weil ich schlicht dem Prinzip des Rhythmus vertraute. Denn: Zyklische Wiederholungen machen dauerhafte Höchstleistung möglich, das wusste ich als Experte für Lean Management.
Das Geheimnis von Regelmäßigkeit heißt eiserne Disziplin. Egal welches Problem aufkommen würde, sei es Muskelkater oder Gewitter, ich wollte mein tägliches Pensum auf jeden Fall beibehalten. Das heißt, ich durfte weder bei Platzregen weniger noch bei eitlem Sonnenschein mehr fahren. Im Endeffekt konnte mein Plan, 100 Kilometer am Tag
zu fahren, den Praxistest nicht bestehen. Probieren geht über Studieren. Wind und Wetter beeinflussten die Route, die man täglich zurücklegt, doch zu sehr. Was ich dagegen steuern konnte, war die tägliche Stundenanzahl, die ich zurücklegte.
Rhythmus aufbauen
Ich baute mit der Zeit viele verschiedene Rhythmen auf. Dabei ist es durchaus typisch für solche Abfolgen, dass man sie langsam bildet und es eine Weile dauert, bis sie sich eingependelt haben. Mein wichtigster Rhythmus war der Tagesrhythmus: Aufstehzeit um 07:30 Uhr, danach frühstücken, packen und zwischen fünfeinhalb und sechs Stunden pro Tag radeln, komme was wolle. Wie ich meine optimale Taktung herausfand? Ganz einfach: durch Ausprobieren. Dazu entwickelte ich die Routine, sechs Tage am Stück zu fahren und mir dann einen Ruhetag zu gönnen. Zunächst fuhr ich zwei Tage Fahrrad, um dann einen Tag zu pausieren. Darauf steigerte ich mein Pensum auf drei Tage Radfahren, einen Tag Verschnaufpause und so weiter, bis ich letztendlich meinen "Fahrplan" aufgebaut hatte: Sechs Tage fahren, einen Tag erholen. Das habe ich die ganze Tour lang durchgezogen. Außerdem spielte sich in Skandinavien, wo Einkaufsmöglichkeiten rar gesät sind, eine Art Einkaufstakt ein – in Polen hätte ich ihn besser neu justiert. Hier reihte sich nämlich plötzlich ein Kiosk mit Süßigkeiten an den Nächsten. Die Folge: Trotz Radsport purzelten die Kilos nicht. Im Gegenteil: Ich nahm sogar zu. Solche Gewohnheiten unterstützen mich nämlich auf Dauer nur dann, wenn ich sie stets an neue Gegebenheiten anpasse.
Der Kunde schlägt den Takt
Jede Produktion hat einen Rhythmus. Doch wer bestimmt ihn? Im Lean Management dirigiert immer der Kunde, er schlägt den "Kundentakt". Beispiel: Bei einem Wohnmobilhersteller mit durchschnittlich 40 Kundenbestellungen am Tag sind diese 40
Aufträge der Kundentakt. Die Kundenbestellungen geben den Ton an und bestimmen die gesamte weitere Produktionsplanung, sprich, alles zielt darauf ab, so effizient und ungehindert wie möglich 40 Fahrzeuge am Tag herzustellen. Alle Beteiligten richten sich nach dem "Kundentakt" und planen entsprechend diesem Ablauf – auch die Zulieferer. Nicht immer ist der Takt auf den ersten Blick zu erkennen. Bei über 480 verschiedenen Varianten der Wohnmobile wird es dann schon schwieriger, die Gemeinsamkeit zu finden. Je mehr Individualisierungsmöglichkeiten eine Massenproduktion anbietet, desto herausfordernder kann es sein, den Rhythmus zu entdecken.
Jede Produktion hat ihren Rhythmus
Manchmal entzieht sich der Rhythmus einer Produktion dem Blick des Betrachters. Man muss schon genau hinsehen. Ein Sonderanlagenbauer war diesbezüglich anderer Meinung. Er war sich sicher, bei ihm gebe es weder Kundentakt noch Rhythmen, schließlich war jede Anlage ein Einzelstück! Nach einer ausgiebigen Untersuchung stellte sich heraus, dass es eben immer – auch bei ihm – einen Kundentakt und somit einen Produktionsrhythmus gibt. Hat man erstmal das technische Herzstück einer jeden Anlage gefunden, offenbart sich dem Betrachter schnell die Gemeinsamkeit aller Maschinen. Dieser Schnittpunkt war ein Mischer. Allerdings bestellten die Kunden diese Mischer nur indirekt – ähnlich wie ein Kunde bei Porsche ja auch keinen Motor bestellt, sondern ein Auto. Es gab zwar verschiedene Größen, Ausführungen und Anbauteile, aber nach eingehender Beobachtung eruierten die Mitarbeiter insgesamt fünf Grundtypen. Der Geheimtipp zum Identifizieren der Gemeinsamkeit heißt Abstraktion. Es zeigte sich, dass die Kunden diese Grundtypen in einem bestimmten Takt anforderten: 4-4-2-2-2 war der Grundrhythmus, in dem die fünf Mischertypen bestellt wurden. Dementsprechend konnten nun alle weiteren Abteilungen planen.
Rhythm is a dancer
Endlich, alles im Takt! Die komplette Produktion, jede einzelne Station und auch alle externen Partner tanzen im gleichen Rhythmus, aber Vorsicht: Rhythmen tanzen auch aus der Reihe, sie wechseln. Sie werden von außen, von den Umständen, den Märkten und ganz besonders von den Kunden determiniert. Im Lean Management weiß man das und stellt sich regelmäßig selbst auf den Prüfstand. In einer Zeit, in der sich Kundenwünsche und Märkte immer schneller wandeln, wird die Lean-Philosophie deshalb umso reizvoller.
Wünsche der Kunden im Fokus
Heute wollen Kunden immer individuellere Produkte, die am besten schon "gestern" nach Hause geliefert werden – Lean Management macht’s möglich. Firmen, die die Lean-Idee leben, sind dem Trend zu kundenindividuellen Produkten gewachsen. Dafür müssen Barrieren aus veralteten Arbeits- und Denkweisen eingerissen werden. Die Veränderung lohnt sich: Das Prinzip des Rhythmus ist nämlich nur eines der vielen Prinzipien des Lean Managements, welches mehr Qualität bietet und gleichzeitig Verschwendung, Kosten und Fehler minimiert. Mehr Mitbestimmung und transparentere Entscheidungswege, aber auch besserer Informationsfluss sowie mehr Zusammenarbeit und Kollegialität über Abteilungen und Hierarchien hinweg, das alles ist Teil der Lean-Kultur. Jedes Unternehmen kann das erreichen – bloß nicht von heute auf morgen. Der wichtigste Rat für den erfolgreichen kulturellen Wandel eines Unternehmens im Sinne von Lean Management ist: Loslaufen. Anfangen. Es ist eine Reise, eine Tour, so wie meine "schlanke Tour" mit dem Fahrrad. Diese Tour hat mich verändert. Und sie war noch nicht zu Ende, als sie zu Ende war.
