KVP und Kennzahlen

Wir haben die Abteilung Radiererfertigung im Werk Sugenheim besucht. An diesem Standort in Franken produzieren rund 20 Mitarbeiter pro Jahr 60 bis 70 Millionen Radiergummis, die weltweit in den Handel kommen. Gefertigt wird an sieben Linien, die möglichst flexibel gestaltet wurden, damit dort verschiedene Produkte entstehen können. Das Produktionssystem SPS unterstützt die Mitarbeiter dabei, die ohnehin bereits gut organisierten Fertigungsabläufe noch effizienter zu machen.

Im Jahr 2015 trat unser Gesprächspartner Johannes Engert in die Abteilung Radiererfertigung ein. Er hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein berufsbegleitendes Studium zum Bachelor in Wertschöpfungsmanagement an der Hochschule Ansbach begonnen und sah deshalb vieles durch die Lean-Brille. Er erinnert sich an einen TPM-Workshop, bei dem die 15 beteiligten Mitarbeiter an einem Tag 500 Mängel gekennzeichnet hatten. Der Fokus lag auf Druckluft, wo ein enormes Einsparpotenzial erschlossen wurde.

Seit 2016 ist Johannes Engert Leiter der Radiererfertigung. Mit dem jungen Chef kam neuer Schwung in das Produktionssystem. Johannes Engert kennt das Unternehmen gut, denn er hatte dort bereits seine Ausbildung zum Verfahrensmechaniker absolviert und einige Jahre als Anlageneinsteller gearbeitet. Danach machte er eine Fortbildung zum Maschinenbautechniker. 2014 entschloss er sich zu dem berufsbegleitenden Studium. „Die Impulse von den Dozenten und der Austausch mit den Kommilitonen haben mir nochmals viele neue Erkenntnisse gebracht, die wir mit dem Team zeitnah umsetzen konnten“, sagt er. Er bezeichnet sich selbst als eher introvertiert und sagt, dass er mit dem Studium vor allem seine Führungsfähigkeiten stärken und Selbstvertrauen aufbauen konnte. Dies komme ihm als Vorgesetztem von einem Fertigungsteam, das überwiegend aus langjährigen Mitarbeitern mit viel Erfahrung besteht, zugute. Mit kooperativer Führung und Transparenz sei es gelungen, in der Sparte Radiererfertigung weitere Effizienzvorteile zu erzielen. Als Schlüssel für

die positive Entwicklung der Kennzahlen wurden folgende Faktoren ausfindig gemacht:

• Standards und Stabilität, Probleme sichtbar machen. • Verbesserung der Standards, Probleme am Ort des Geschehens lösen. • Nivellierung.

„Wir haben die Standards vor Ort verändert und visuelle Kennzeichnungen, zum Beispiel die Soll-Einstellung am Manometer, eingeführt“, erzählt Johannes Engert. „Diese Verbesserungen gelingen jedoch nur, wenn die Mitarbeiter selbst davon überzeugt sind“. Als Erfolgsfaktor sieht er den steilen Anstieg der eingereichten Verbesserungsvorschläge, die statistisch erfasst werden. Bei seinem Team läuft das recht unbürokratisch: Die meisten teilen ihm ihre Ideen mündlich vor Ort mit und anschließend werden diese in der KVP-Datenbank erfasst. Dort entsteht eine Übersicht von allen im Unternehmen eingereichten KVPs. Damit ist die Bewertung und Bearbeitung sicher-

Das Unternehmen

Das Unternehmen Staedtler wurde 1835 von Johann Sebastian Staedtler gegründet. Heute betreibt die Staedtler Mars GmbH & Co. KG mit Hauptsitz in Nürnberg weltweit sieben Produktionsstätten, drei davon in Deutschland - mit weltweit 2.800 Mitarbeitern, davon mehr als 1.200 in Deutschland. Mehr als 80 Prozent der in Deutschland hergestellten Produkte werden exportiert. Das Staedtler-Sortiment ist in über 150 Ländern an den Märkten präsent und nahezu drei Viertel der Produkte sind "Made in Germany". Die Staedtler Mars GmbH & Co. KG ist der größte europäische Hersteller für holzgefasste Stifte, Folienstifte, Radierer, Feinminen und Modelliermassen – sowie Weltmarktführer für Industrieplastilin. Die 1997 gegründete Staedtler-Stiftung unterstützt die wissenschaftliche Forschung an deutschen Universitäten sowie kulturelle Projekte in der Metropolregion Nürnberg. Mehr Infos: www.staedtler.de

gestellt. Im Rahmen einer transparenten Feedback-Kultur sind die Listen für alle Mitarbeiter einsehbar. Es konnte anhand der aufbereiteten Kennzahlen eine Korrelation zwischen der Anzahl der Verbesserungsvorschläge und der Kennzahl "Effizienz" festgestellt werden.

Probleme vor Ort lösen

Johannes Engert versucht, 50 Prozent seiner Arbeitszeit vor Ort in der Fertigung zu verbringen und alle Mitarbeiter jeden Tag zu sehen. In standardisierten Besprechungen wird regelmäßig das Notwendige geklärt, nach dem Motto: "einfach machen". Probleme werden immer vor Ort (meist an den Anlagen) gelöst. Gedanklich stellt er sich öfter in den von Taiichi Ohno empfohlenen Kreidekreis und beobachtet die Abläufe, um Verbesserungspotenzial zu identifizieren. Doch nicht nur Klassiker aus der Leanphilosophie, sondern auch neue Methoden werden angewandt. Zum Beispiel wird in allen Staedtler-Werken LPA (Layered Process Audit) eingesetzt, um durch Abfrage Standards zu präzisieren, deren

Einhaltung sicherzustellen und Fehlerquellen zu eliminieren. „Wenn Sie zu einer Gruppe von Menschen sagen, jeder solle ein Schwein zeichnen, dann werden Sie viele unterschiedliche Varianten sehen. Keine davon ist falsch, doch es ist vielleicht nicht die Ausführung dabei, die am besten für den aktuellen Zweck geeignet ist“, so erklärt Johannes Engert die Methode. Deshalb sei es wichtig, gemeinsam zu erarbeiten, wie das "Schweinchen" für diesen Prozess aussehen soll und regelmäßig zu überprüfen, ob alle Beteiligten dazu in der Lage sind. Nur so lassen sich Standards verfestigen und weiter verbessern.

Ein weiteres Thema ist die Nivellierung der Produktion. Drei der insgesamt sieben Produktionslinien fertigen die Dauerläufer, drei sind für Sonderanfertigungen vorgesehen. Zwei dieser Linien wurden flexibilisiert und können verschiedene Formate herstellen. So kann besser auf Nachfrageschwankungen reagiert werden. Auch hier belegen die Kennzahlen eine gleichmäßigere Auslastung der Anlagen.

Fazit

Aufgrund der geringen Fluktuation (z. B. durchschnittliche Betriebszugehörigkeit von 21 Jahren im Werk Sugenheim) lassen sich Standards in den Staedtler-Werken gut etablieren, wie das Beispiel aus der Radierer-Fertigung zeigt. Durch den transparenten Umgang mit Informationen und Kennzahlen sind alle Mitarbeiter gut eingebunden und können ihren eigenen Anteil am Unternehmenserfolg nachvollziehen. Dies ist Ansporn, sich persönlich in den Verbesserungsprozess einzubringen. Es war zu beobachten, dass die Motivation der Mitarbeiter anstieg, als dem Verbesserungsprozess mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Qualität im Fokus. Nach der Fertigung in einer Extrusionsanlage werden die Radierer am Ende des Prozesses versandfertig verpackt.
Qualität im Fokus. Nach der Fertigung in einer Extrusionsanlage werden die Radierer am Ende des Prozesses versandfertig verpackt.
Sabine Leikep
Sabine Leikep Foto: © Staedtler