Die Kirson GmbH hat zwölf Maschinen mit Arbeitsbühnen ausgestattet, die jeweils nur über Leitern zugänglich sind. Aufgrund der engen Platzverhältnisse werden die Leitern oft ausgehängt, um im Bodenbereich besser arbeiten zu können. Es kam häufig vor, dass die Leitern danach nicht vorschriftsgemäß gesichert waren (Abb. 1). Auch regelmäßige Überprüfungsaudits brachten keine deutliche Verbesserung.
Unter dem Motto "5S – 40 Dinge" finden bei der Kirson GmbH alle zwei Wochen Kurz-Audits in der Produktion durch Verwaltungsmitarbeiter statt. Bei einem solchen Audit, das Jörg Göhl Mitte vergangenen Jahres selbst durchführte, schrillten bei ihm die Alarmglocken: Er prüfte, ob alle Leitern gesichert sind. Von drei Leitern waren zwei nicht gesichert. Er beanstandete dies und schaute öfter auch ohne Auditaufgabe mal nach. Immer wieder musste er feststellen, dass die Leitern nicht gesichert waren. Total von den Socken war er, als er den Sicherheitsbeauftragten auf diesen Aspekt ansprach und dieser sofort wusste, um welche Leitern es sich wohl handelte. Er wusste also Bescheid und unternahm nichts!
Zyklen erreicht werden. Er coachte das Projekt persönlich und hielt sich dabei zum großen Teil an die von Mike Rother beschriebene KATA-Systematik.
Dem Projektteam gehörten drei Auszubildende an: Martin Schlittenbauer, 19 Jahre alt, inzwischen Industriemechaniker bei der Kirson GmbH, Maximilian Oblinger, 18 Jahre alt, Auszubildender zum Industriemechaniker im 2. Lehrjahr und Anna Rottler, 19 Jahre alt, Industriekauffrau im 2. Lehrjahr.
Um dem Problem auf den Grund zu gehen kam Jörg Göhl sofort der Gedanke, für diese Problemstellung eine Gruppe seiner Azubis für ein Jugend-forscht-Projekt zu gewinnen. Bei der Lösungsfindung sollte ein Ziel-Zustand zum Einsatz kommen und die Verbesserung selbst mit PDCA-
Sicherheit als Ziel
„Ziel unseres Projektes war es, ein Sicherungssystem für Leitern zu entwickeln, das eine hundertprozentige Sicherheit für unsere Mitarbeiter bietet. Eine Leiter
Schlittenbauer präsentiert die pfiffige Lösung zur Befestigung der Leiter mit der "Schiene des Kolumbus" (Detailfoto s. Mitte). Die Leiter muss angehoben werden, damit man sie entfernen oder einhängen kann. Durch Wegklappen nach hinten gewinnt man Platz, ohne dass die Leiter jedesmal entfernt werden muss. sollte nach dem Entfernen nur dann wieder benutzbar sein, wenn sie auch wirklich gesichert wurde. Die Lösung sollte möglichst preiswert sein und auch einfach, damit kein Anreiz besteht, die Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen“, erklärt Martin Schlittenbauer.
Zur Lösungsfindung ging das Team anhand der Verbesserungskata unter besonderer Berücksichtigung des Poka-Yoke-Prinzips vor. Jörg Göhl als Betreuer konzentrierte sich ausschließlich auf das Coachen des Teams und vermied es, Lösungsvorschläge zu machen.
Dem Team war klar: Wenn man mit Ziel-Zuständen arbeitet, soll man sich nicht einfach eine Lösung überlegen und diese dann komplett ausarbeiten. Es ist nur erforderlich, sich einen ersten Ansatz auszudenken, der einen näher zum gewünschten Ziel-Zustand bringen könnte und dann durch Versuch und Irrtum (PDCA) herauszufinden, ob man mit diesem Ansatz zu einer zufriedenstellenden Lösung kommt. Das Team hat insgesamt vier Lösungsansätze verfolgt. Der erste Ansatz, ein Karabinerhaken, der an einer Stahlstange an der Leiter befestigt wird (Abb. 2), wurde wieder verworfen, da man die Sicherheitsdefizite durch Bruchgefahr am Karabiner als hoch einschätzte. Im zweiten Durchgang entwickelte das Team Schnecken aus Stahldraht in verschiedenen Varianten, welche zur einfachen Sicherung der Leitern eingesetzt werden sollten (Abb. 3). Da das Einsetzen der Halterung dann doch in Präzisionsarbeit mündete und damit im Alltag unpraktikabel war, wurde auch diese Idee verworfen. Von dem zunächst vielversprechenden Konzept einer Leiter mit schwenkbarer Sprosse nahm man nach der Planung bereits im Vorfeld wieder Abstand, da es sich als zu komplex und damit in der Umsetzung zu teuer herausstellte.
Die Schiene des Kolumbus
mit Begeisterung in Form eines Prototyps umgesetzt wurde.
Zwei Linearführungen, ähnlich einem U-Profil wurden auf Höhe der obersten Leitersprosse jeweils rechts und links befestigt. Die beiden Linearführungen wurden an den bereits vorhandenen Holmen auf der Arbeitsbühne, in denen ein Geländer steckt, angeschweißt. Man muss die Leiter nun ungefähr zehn Zentimeter über den Boden anheben und von oben in die Linearführungen einführen. Dann kann man die Leiter nach unten gleiten lassen und im Sollwinkel aufstellen. Spätestens in dem Moment, in dem jemand die Leiter betritt, ist diese gesichert, da sie ja nur entfernt werden kann, indem man sie anhebt. Früher wurde die Leiter an diesem Gatter häufig entfernt um die Rangierfläche zu vergrößern. Aufgrund der Linearführungen ist es nun möglich, die Leiter etwas in der Führung anzuheben und ihren Anstellwinkel so zu verändern, dass sie näher an das Gatter herangerückt werden kann. Nun muss die Leiter nicht einmal mehr entfernt werden, um Rangierfläche zu gewinnen (Abb. 4). Diese Lösung erfüllt alle Bedingungen des Ziel-Zustandes und ist darüber hinaus auch noch sehr preiswert.
In der anschließenden Diskussion waren sich die jungen Leute einig, dass das Konzept "Leiter mit Schnecke an einer abgewinkelten Halterung" im Prinzip alle Bedingungen des Ziel-Zustandes erfüllt. Ein Problem war noch, dass beim Einhängen der Leiter die Schnecke vielleicht nicht immer korrekt eingefädelt wird. Mit dem Ehrgeiz, auch dieses Problem zu lösen, dachte das Team über Zwangsführungen nach. Im Anschluss an die entsprechende Diskussion entstand eine völlig neue Idee unter Nutzung einer geraden Schiene, die
Sie kann in Stärken ausgeführt werden, die den maximal anfallenden Kräften auf jeden Fall widerstehen.
Das junge Forscherteam betont, dass diese Lösung nicht das Ergebnis eines Heureka-Effektes ist, sondern der kontinuierlichen Bearbeitung des Themas und der immer wiederkehrenden Beschäftigung mit den neu aufgetretenen Problemen. „Wir sind sicher, dass uns diese einfache Idee nie gekommen wäre, wenn wir nicht versucht hätten, unsere zuletzt favorisierte Lösung so zu gestalten, dass sie restlos dem Ziel-Zustand entsprochen hätte“, sagt Anna Rottler. „Auch wenn es vermessen klingen mag, bezeichnen wir unsere extrem einfache und schlichte Lösung in Erinnerung an die Anekdote vom Ei des Kolumbus als Schiene des Kolumbus". Denn auch dort wussten im Rückblick alle, die sich vorher vergeblich bemüht hatten, wie einfach Kolumbus' Aufgabe zu lösen war. Solange keiner die Lösung kannte, erschien sie sehr schwer. „Oft ist es sehr schwer, ein mit PDCA-Zyklen mühsam erreichtes Ergebnis zu würdigen, weil es doch so einfach erscheint“ stellt Martin Schlittenbauer fest. Das Arbeiten mit vielen unterschiedlichen Prototypen habe gezeigt, dass das Lösen von Problemen sowie Neuentwicklungen viel schneller erfolgen, wenn man etwas in der Hand hat, das man diskutieren und "begreifen" kann. beitswelt den dritten Platz. Jörg Göhl ist mit dem Ergebnis für das Unternehmen sehr zufrieden, beim Wettbewerb hatte er sich für sein Team aber eine noch bessere Platzierung erhofft: „Ich werde den Verdacht nicht los, dass die Jury womöglich komplexere und technischere Projekte bevorzugt und die Eleganz dieser Lösung gar nicht zu erkennen vermochte“ bedauert er. Dennoch ist die Schiene des Kolumbus ein Gewinn fürs Unternehmen. Wenn sich der Prototyp nach der Testphase bewährt hat, werden wohl alle Leitern damit gesichert.
Alle drei Auszubildenden waren schon im Rahmen ihrer Ausbildung mit Lean-Projekten in Berührung gekommen. Mit dieser herausfordernden Aufgabe konnten sie erstmals selbst die Lean-Tools im Rahmen der Verbesserungskata anwenden. „Man weiß immer, wo man steht und man kommt nicht so leicht vom Weg ab“ so die Erfahrung von Martin Schlittenbauer. „Und wenn man länger am Prozess arbeitet, dann kommen ganz andere Lösungsideen“. Dem stimmt Anna Rottler zu und sie sagt: „Durch die KATA hat man zwar bestimmte Vorgaben, aber man kann sich frei bewegen“.
Alle Fotos in diesem Beitrag: © Jörg Göhl
Das Unternehmen
Die Nachwuchs-Leanexperten hatten selbst mehrere unterschiedliche Prototypen kreiert und daraus eine gleichermaßen einfache wie auch elegante und überzeugende Lösung entwickelt, welche die Anforderungen komplett erfüllt. Es ist jetzt fast nicht mehr möglich die Leitern ungesichert zu verwenden. Etwas aufgeregt waren sie dann doch, als sie im Rahmen des "Jugend forscht" Regionalwettbewerbs für Niederbayern im Februar 2014 ihre Arbeit präsentierten. Das Kirson-Team erzielte in einer Gruppe von über zehn Arbeiten im Bereich Ar-
Die Ursprünge der Kirson Industrial Reinforcements GmbH liegen im Jahr 1963 als Alfons und Horst Kirzinger aus einer Weberei heraus die Kirson Patentverwertung und Vertriebsgesellschaft mbH (Kirzinger und Sohn) gründeten. Das Unternehmen spezialisierte sich auf Industrietextilien, sogenannte Gelege, die aussehen wie ein Gitter und aus textilen Endlosfasern hergestellt werden. Gelege werden zur Verstärkung bzw. Armierung unterschiedlichster Materialien eingesetzt.
Das Unternehmen gehört inzwischen mehrheitlich zur KAP AG und verfügt damit weltweit über ein gutes Vertriebsnetz, um Kunden unterschiedlichster Sparten mit Industrietextilien zu beliefern. Gefertigt wird ausschließlich am Standort Neustadt an der Donau. Mehr Infos: www.kirson.de
