Lean im Museum

Synergie-Effekte durch Gemba-Walk beim Lean Round Table in Mannheim

Lean Round Table in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Erstmals gab es neben der

Gelegenheit zu Erfahrungsaustausch und Networking eine praktische Lean-Übung anstelle eines

Fachvortrages. Am Ende erhielt das Museum Anregungen, wie man den Besuchern noch mehr bieten könnte – und die Teilnehmer nahmen viele Ideen für ihr eigenes Arbeitsumfeld mit nach Hause.

Im Gegensatz zu den vergangenen Lean-Round-Table-Veranstaltungen ging es diesmal nicht um graue Theorie, sondern die Teilnehmer begaben sich auf einen Gemba-Walk in drei unterschiedlichen Bereichen des Museums. „Hier entsteht eine Win-Win-Situation“, betonte Jochen Wenz, der als Projektleiter Lean Management in der internen Beratung bei Hornbach arbeitet und zusammen mit Traudel Orth den Mannheimer Lean Round Table organisiert. „Das Gastgeberunternehmen profitiert durch Expertenwissen aus verschiedenen Bereichen, Veranstalter und Teilnehmer haben Gelegenheit zum Netzwerken und Erfahrungsaustausch. Alle können sich einbringen und dabei von- und miteinander lernen".

Zu Stande gekommen war das Event durch die Vernetzung von Traudel Orth mit Christine Gebler, die seit fast 20 Jahren für Verbesserungsprozesse bei der Stadt Mannheim verantwortlich ist (wir berichteten in Yokoten 02/2014). Im Rahmen des Verbesserungsprogramms priMA der Stadt Mannheim soll demnächst ein Projekt im Museum laufen, bei dem es primär um Sicherheitsaspekte geht. Nun bot sich im Vorfeld die Chance, von Leanexperten Anregungen im Hinblick auf den Kundennutzen zu erhalten.

Arndt Zimmermann, Verwaltungsleiter der Reiss-Engelhorn-Museen, freut sich über diese einmalige Gelegenheit: „Schon alleine wenn ich die Personalkosten der hier im Raum Anwesenden zusammenrechne – das könnten wir uns sonst nie leisten." Von den drei Gruppen, die in verschiedenen Abteilungen des Museums zum Gemba-Walk unterwegs sind, erwartet er Tipps und Anregungen aus Sicht der Museumsbesucher.

Die Vorgehensweise des Mini-Lean-Workshops erläuterte Traudel Orth, Beraterin für Lean Management und Organisationsentwicklung. Sie wies auf die Knackpunkte beim Lean Management hin. Shopfloor Management sieht sie als wichtigstes Steuerungselement: „Dieses Tool lässt es zu, mit flexiblen Zielen zu arbeiten.“ Sie empfiehlt, fünf Top-Ziele zu definieren und immer die Menschen im Fokus zu haben. Es gehe darum, Problemlöser zu entwickeln und eine Lernkultur zu etablieren. Den Führungskräften käme dabei eine Coach-Haltung zu und sie agierten eher unterstützend im Hintergrund.

Was ist der "Lean Round Table?"

Mit dem Ziel, einen Austausch zwischen Kollegen zu ermöglichen, die sich in lokaler Umgebung mit ähnlichen Fragestellungen beschäftigen, gründete Jochen Wenz 2011 den Lean Round Table. Das Konzept für die ersten Treffen war ein Vortrag mit anschließendem Abendessen und unmoderierten Gesprächen. Es wurde von anderen Moderatoren der XING-Gruppe "Lean for Professionals" aufgegriffen. Inzwischen gibt es Stammtische in München, Frankfurt, Karlsruhe und Hamburg. Neu ist die Idee, neben den bisherigen Vortragstreffen die konzentrierte Lean-Erfahrung der Teilnehmer zu nutzen und Unternehmen anzubieten. Das Gast-Unternehmen bekommt für den Preis eines kleinen Imbisses und dem Bereitstellen von Räumen die Expertise von ca. 20 Lean Spezialisten, um aktuell relevante Fragestellungen bearbeiten zu lassen, Feedback zu erhalten und sich auszutauschen.

Die Organisatoren des Mannheimer Lean Round Table in den Reiss-Engelhorn-Museen: (v.l. Christine Gebler, Arndt Zimmermann, Traudel Orth, Jochen Wenz und Veronika Koch.

Beim anschließenden Gemba-Walk besuchten zwei Gruppen in einer Führung die Musikwelten-Ausstellung und die Ausstellung "Kaiser Maximilian I". Die dritte Gruppe bewegte sich als freie Einzelbesucher durch die Weltkulturen-Ausstellung und hinter die Kulissen, wo gerade eine neue Ausstellung vorbereitet wird.

Danach ging es an die Arbeit. Moderationswände mit einer kurzen Arbeitsanleitung standen bereit, und die Teams sollten drei Top-Themen herauskristallisieren und Lösungsvorschläge erarbeiten. Obwohl die Gäste von dem Museum selbst und den dargebotenen Exponaten sehr begeistert waren, gab es eine ganze Reihe an Verbesserungsvorschlägen. Durchgängig fehlte allen "Besuchern" eine Kurzbotschaft zur Ausstellung, die "hängen bleibt" und eine konkrete Ansprache unterschiedlicher Zielgruppen wie Kinder, Experten oder Gelegenheitsbesucher. Auch in Punkto Marketing, Corporate Identity und Standards sahen die Experten Verbesserungspotenzial. Ideen wie Routenvorschläge, Storytelling und interaktive Einrichtungen, sowie das Anbieten von Merchandising-Artikeln für die Besucher sind nur einige der Anregungen, die Arndt Zimmermann gerne aufnahm.

Ebenso begeistert wie der Gastgeber waren die Teilnehmer. „Ich fand es fantastisch, und ich nehme viel für meine

Besuchergruppen im Unternehmen mit. Zum Beispiel, dass sie das Material fühlen möchten und dass man die Produkte ansprechend präsentieren sollte. Für mich war es eine große Bereicherung, Lean auf so praktische Art und Weise zu erleben“, freut sich Xavier Hanesse, Production Manager bei Freudenberg Interlining SE & Co. KG, Weinheim. „Auch wenn ein Museum eine vollständig andere Umgebung ist, fand ich es unheimlich spannend, dass hier eine der zentralen Fragen von Unternehmen alle bewegt hat: Wer ist mein Kunde und wie stelle ich mich ihm gegenüber auf?“, sagt Fabian Schultes, Lean Manager bei der Karl Otto Braun GmbH & Co. KG, Wolfstein. „Ohne dass diese Frage geklärt ist, fällt es auch im Unternehmen sehr schwer, Wert zu definieren und somit eine Trennung von Verschwendung durchzuführen“. Er findet, dass die Organisation der Veranstaltung mit Workshopcharakter und anschließend gemeinsamem Essen die Kontaktaufnahme und Diskussion wunderbar angeregt hat. sondern ein Freizeitvergnügen. Die große Begeisterung für Lean war von Anfang bis Ende spürbar. „Das Setting passt“, so das Resümee von Traudel Orth und Jochen Wenz. Nun gehe es darum, weitere Unternehmen zu finden, die der Gruppe Gelegenheit bieten, ihr Lean-Wissen in Form von kurzen Gemba-Walks einzubringen.

Die Teilnehmer waren sich einig, dass das alte Konzept des Lean Round Table, das auf Vorträgen basierte, durch kleine praktische Übungen ersetzt werden sollte. Diese Erfahrung könne man sich nirgends abholen, während man reines Fachwissen ja aus Büchern oder über das Internet beziehen könne. Für viele der Teilnehmer war der Freitagnachmittag keine Arbeitszeit,

Beim nächsten Lean Round Table am 10. Oktober 2014 gibt es einen Praxisvortrag zum Thema "SCRUM" mit anschließender Diskussion und Networking beim Abendessen.

Begeistert nahm Arndt Zimmermann (vorne links) die Anregungen der Leanexperten auf.
Begeistert nahm Arndt Zimmermann (vorne links) die Anregungen der Leanexperten auf.
Rege diskutiert, schnell strukturiert und die Lösungsvorschläge zusammengefasst. Nach einer Stunde stand das Ergebnis für die Präsentation.
Rege diskutiert, schnell strukturiert und die Lösungsvorschläge zusammengefasst. Nach einer Stunde stand das Ergebnis für die Präsentation.